PRESSESTIMMEN 2007-2016
Ursina Tossi // choreographer/dancer

RESISTING BODIES
Tanz mit geballten Fäusten, TAZ Hamburg, 11./12. Juni 2016, Katrin Ullmann
CHOREOGRAFIE Von Posen und Positionen: „Resisting Bodies“ untersucht im Kunstverein Harburger Bahnhof den Körper als Ort, an dem politisches Handeln seinen Anfang nimmt – und damit auch der Widerstand.
Lang strecken sie die Zunge raus, verdrehen ihre Augen und Kör- per, schneiden Grimassen und Fratzen. Es ist eine umissver- ständliche Kampfansage, voll geballter, gebündelter Aggres- sion. Wild stampfen sie mit den Füßen auf, klatschen in die Hände. Erst langsam, dann immer schneller werdend. Der ganze Mensch befindet sich im Rhythmus. Das Klatschen wird lauter. Ob Boden, Raum oder Körper: Alles ist jetzt Resonanz.
Es sind vier Tänzerinnen, die sich da in Rage bringen, sich ver- renken und verdrehen. Gelenkt und geleitet von klaren choreo- grafischen Anweisungen perfor- men sie einen Haka. Haka, das ist ein ritueller Tanz der Maori, laut, kraft- und eindrucksvoll. Und tatsächlich könnte man meinen, so, ja, genau so muss ein Kriegstanz, oder zumindest getanzter Widerstand aussehen.
Doch stimmt das? Ein Haka wurde zwar auch – und dann in vollem Waffendekor – zur Ein- schüchterung des Gegners auf- geführt, meist aber zu Unterhal- tung oder zur Begrüßung. Mitt- lerweile hat dieser Tanz schon
fast Folklorecharakter mit weit geöffneten Grenzen in Rich- tung Cheerleading. Schließlich wird bei manchem neuseeländi- schen Rugbyspiel dieser archa- ische, rituelle Tanz als lautstar- kes, Adrenalin verströmendes Wettkampfspektakel zwischen den gegeneinander antreten- den Mannschaften inszeniert.
Kann man Widerstand über- haupt tänzerisch darstellen? Wie organisiert sich, wie bewegt sich ein widerständiger Körper? Was könnte eine Technologie des Wi- derstands sein? Wie könnte man eine Methode entwerfen, ein Training, mit der man sich für den politischen Widerstand be- reit macht?
Diesen Fragen geht die Tän- zerin und Choreografin Ursina Tossi in ihrer jüngsten Arbeit nach. Ab Donnerstag wird „Re- sisting Bodies“ für vier Tage im Harburger Kunstverein zu sehen sein. In den Räumlich- keiten des ehemaligen Warte- saals Erste-Klasse-Reisender. Ir- gendwo zwischen Fernbahnstre- cke und Nahverkehr.
In „Resisting Bodies“ versteht Ursina Tossi den Körper als ei- nen Ort, an dem das politische Handeln und damit auch der mögliche Widerstand ihren An- fang nehmen. Gemeinsam mit den Tänzerinnen Nora Elberfeld, Angela Kecinski und Silvana Su- arez Cedeño hat sie den Abend erarbeitet. Inhaltlich setzt Tossi ihre Untersuchungen zu hierar- chischen Strukturen fort – nach „Unter Hirschen“ (2013), „your outside is in and your inside is out“ (2014) und „Excellent birds“ (2015). Ästhetisch eingebettet ist ihre jüngste Arbeit in die eigen- willig-spielerischen Overhead- Projektionskunsträume von Katrin Bethge sowie die Sounds von Johannes Miethke.
Widerstand, das bedeutet vor allem Blockade, Stocken, Inne- halten. In Kombination mit Tanz, der aus und durch Bewe- gung entsteht, wähnt man sich da schon wieder auf der falschen Fährte. Tanz und Widerstand – ist das nicht völlig widersprüch- lich und eher kontraproduktiv?
„Sich dieser Unmöglichkeit an- zunähern, sie zu untersuchen, das fand ich gerade interes- sant“, entgegnet Ursina Tossi. „Wenn der Körper etwas aufhal- ten möchte“, fährt sie fort, „oder wenn er sich überhaupt in Be- wegung setzen möchte, dann braucht er einen Widerstand. Das heißt: Die grundsätzlichen Impulse des Körpers wie etwa Gehen oder Stehen sind nur möglich, weil man der Gravita- tion etwas entgegensetzt.“
Inhaltlich nimmt der Abend Bezug auf die lange Historie von Widerstandsbewegungen, hin- terfragt deren Gesten und Stra- tegien – man wird (auch) ge- ballte Fäuste und zum Trichter geöffnete Hände sehen – ver- weist auf Posen, Positionen und Resignation. Von Black Panthers bis Occupy, von Straßenkämp- fen, Sitzblockaden, Demonstra- tionen und Protesten.
Praktiken aus dem passiven Widerstand seien während der Probenzeit zentral gewesen, er- läutert Tossi. Etwa wenn es da- rum geht, „nicht zu reagieren, sondern durchlässig zu sein; eben nicht in die Muskelkraft oder in die Kontraktion zu ge- hen und stattdessen auf eine Totalentspannung hinzuarbeiten. Dann ist es sehr schwer, diese Person wegzutragen. Wenn Spannung auf Spannung trifft, kann man immer mit der Hebel- kraft arbeiten. Aber wenn sich jemand komplett entspannt, hat man keinen Zugriff mehr.“
In der direkt erfahrbaren Kör- perlichkeit sind Widerstand und Tanz einander ganz nah. Und auch in dem Bestreben, ein En- semble zu sein, eine Gruppe, eine starke Gemeinschaft. Sie seien während der Proben im- mer wieder damit beschäftigt gewesen, mehr zu werden im Raum, erklärt Tossi, „mit ver- schiedenen Mitteln, etwa auch durch die Sounds, versuchen wir vier, uns zu vervielfachen“.
Denn multipliziert man die an einem Protest Beteiligten, organisiert man den Wider- stand in einer größer werden- den Gruppe, gelingt es, Men- schenmengen zu aktivieren, dann spricht man von einer Wi- derstandsbewegung. Bewegung wiederum ist Körperlichkeit – und schließlich (auch) Tanz.
"Excellent Birds" inszeniert das Denken ohne Körper
Hamburger Abendblatt/Harburg/12.2.2015

Der Kunstverein Harburger Bahnhof präsentiert vom 19. bis 22 Februar die Choreografie "Excellent Birds". Ursina Tossi und Anja Winterhalter gehen der Frage nach, ob Denken ohne Körper möglich sei.
Harburg. In ihrer gemeinsamen Choreografie "Excellent Birds" gehen die Tänzerin Ursina Tossi und die Performerin Anja Winterhalter der Frage nach, ob Denken ohne Körper möglich sei. Der Kunstverein Harburger Bahnhof ist ab Donnerstag, 19. Februar, der bisher ungewohnte Schauplatz einer Performance, die auch an der Kampnagelfabrik beheimatet sein könnte.
"Excellent Birds" ist eine Choreografie über den Entwurf eines Mediums zur Rettung von Körperintelligenz. Ursina Tossi sieht Körperintelligenz als implizites Wesen. So können Menschen sich im Raum orientieren und gleichzeitig Fahrrad fahren und telefonieren.
Die Bewegung generiere das, was wir denken nennen. Ursina Tossi liebt große theoretische Fragen. Und so sucht sie nach nicht weniger als dem Körpergedächtnis für die Zeit, wenn die Sonne explodieren und die Menschheit aus dem Universum verschwunden sein wird.
Anja Winterhalter hat sich auf Kampnagel als Orakelkrake Paula (2013) und mit einem Nachruf auf die Esso-Häuser (2014) einen Namen in Hamburg gemacht. Beteiligt an der Performance aus Choreografie, Stimme und Installation ist noch die bildende Künstlerin Saskia Bannasch.
"Excellent Birds" (Choreografie/Stimme/Installation), 19. bis 22. Februar, jeweils 20 Uhr, Kunstverein Harburger Bahnhof
((tsu))

Seh sie fliegen "Excellent Birds" der Choreografin Ursina Tossi im Kunstverein Harburger Bahnhof
Veröffentlicht am 24.02.2015, von Elisabeth Leopold
Hamburg - Choreografie, Stimme, Installation - die Zusammenarbeit der Choreografin und Tänzerin Ursina Tossi, der Dramaturgin und Performerin Anja Winterhalter und der bildenden Künstlerin Saskia Bannasch fügt sich atmosphärisch wie selbstverständlich in die Räumlichkeiten des ehemaligen Wartesaals, in dem heute der Hamburger Kunstverein residiert. Der eindrucksvolle Saal mit den vertäfelten Decken, der sich direkt über den Gleisen des Harburger Bahnhofs befindet, reiht sich damit in die Linie interessanter Spielorte der Choreografin ein, die schon den ehemaligen Bunker und derzeitigen Club „Übel & Gefährlich“ tänzerisch erschloss.
Wie schon bei ihrem Stück „Your Outside is in and your inside is out“, welches demnächst noch einmal im Rahmen des „Hauptsache frei Festivals“ in Hamburg zu sehen sein wird, beginnt der Abend mit einer Soundeinlage von Johannes Miethke. Man wird hineingezogen in eine Soundebene, die unsere Realität in Frage stellt und eine virtuelle Parallelwelt erschafft. „No expectations, no money, no gender representation, no flow, no dance, no naked skin....“ A NO to nearly everything lautet die einleitende Devise und macht uns mit den Spielregeln des Abends vertraut. „Excellent Birds“ ist eine Choreografie über den Entwurf eines Mediums zur Rettung von Körperintelligenz über das menschliche Denken nach einer Sonnenexplosion hinaus.
Ein Science Fiction Gedankenexperiment – angelehnt an den französischen Philosophen und Literaturtheoretiker Jean-François Lyotard. Lyotard sah in den sich entwickelnden technischen Mitteln die Möglichkeit, den Menschen außerhalb eines „Bildes“ desselben festzuschreiben, und fürchtete zugleich den Verlust seiner „Menschlichkeit“. „I see pictures of people“ heißt die sich immer wiederholende Zeile in dem Song „Excellent Birds“ von Laurie Anderson und Peter Gabriel. Alles nur Erinnerung. Was bleibt nach einem außerplanetarem Neubeginn? Kann eine künstliche Vogelintelligenz ein Körpergedächtnis und eine Art von Kommunikation retten? „Excellent Birds“ schlägt ein Spiel vor, eine Computersimulation, in der es um nichts mehr und doch noch um alles geht, was bleibt. Reduziert und aufgewertet, übertragen und weitergetragen werden Gesten zu Cues, Sounds zur Verifizierung, Schwarmbewegungen zum Überleben. Sprache und damit die Kommunikation als größter bewegter Speicher der Menschheit wird mit Schwärmen einer Vogelintelligenz auf die Probe gestellt.
Die zwei Körper der Performerinnen liegen im Schein bläulicher Leuchtstoffröhren auf dem Boden. Das Lichtdesign von Lars Rubarth unterstützt den installativen und virtuellen Charakter des Abends. Ausschließlich mit alten Pilotenbrillen ausgestattet, die auch 3D Brillen sein könnten, sind die Körper zur Aktivierung bereit. Operation One, es kann losgehen, das Spiel beginnt. Gesten werden aktiviert, Reaktionen vom System gefordert und erste zirkuläre Schwingbewegung mit Leuchtstoffröhren erzeugt. Danach beginnt Tossi mit vogelartigen Orientierungsbewegungen, während sich Anja Winterhalter eine flügelartige Konstruktion aus den leuchtenden Stäben erbaut. Der virtuelle Raum entsteht vor unseren Augen. Operation Two, der Soundtest, die Kommunikation wird ausprobiert und nach einigen Fehlschlägen vom System akzeptiert. Plötzlich öffnen sich die Seitentüren links vom Zuschauer. Inmitten eines Haufens bereits gefalteter weißer Papiervögel, sitzt Saskia Bannasch im warmen Licht und heller Kleidung und faltet in konzentrierter Ruhe einen Papiervogel nach dem anderen. Spätestens mit diesem eindrucksstarken Bild entrückt man der unmittelbaren Bahnhofswirklichkeit. Der fertig gefaltete Vogel wird kurz getestet und dann auf eine schwarze Rutschbahn entlassen, auf dem er nach unten gleitet und inmitten seines Vogelschwarms zum Stillstand kommt. Mit diesem Einschnitt in das Stück wird der gesamte Rahmen des Experiments nochmal auf den Punkt gebracht. Die Mechanik getestet, die Bewegung reduziert auf ihre Möglichkeiten durch die Form, das Körpergedächtnis, das von außen auf einen eingeschrieben wird. Die Körperintelligenz selbst wird zur Form und auch wieder zu ihrer Auflösung. Der Transfer von Bewegung passiert mit Körper und mit Stimmen im Raum - Was ist unser Einsatz bei diesem Spiel? Wie überlebt man im Sammeln von Bonuspunkten, im Auf- und Absteigen von Levels?
„Du, Spieler_in des Spiels. Betrete das Fligh-High-System und erweitere dein Territorium. Speicher deine Exzellenz! Gratuliere! Du bist die Sieger_in! Du bist die Nummer 1! Willkommen zum nächsten Level!“
http://www.tanznetz.de/blog/26877/seh-sie-fliegen © 2015 Tanznetz.de
Ursina Tossis "Excellent Birds" im Harburger Bahnhof © Saskia Bannasch
We’ve got to get in to get out
DanceKiosk mit faszinierenden Bewegungsstudien, (asti) Hamburger Abendblatt 17.10.14
Hamburg. Der DanceKiosk ist das etablierte Präsentationsforum für die Hamburger Tanzszene, aber auch längst Magnet für internationale Choreografen. Diese Mischung ließ sich zum Auftakt im Hamburger Sprechwerk anhand dreier Tanzperformances begutachten. (...) Theoretisch, aber auch amüsant hat die Hamburger Choreografin Ursina Tossi in "We've got to get in to get out" eine Lecture mit den Mitteln von Video und Bühnenperformance erstellt. Launiges Sesamstraßen-Personal erläutert per Video die Bedeutung von hier und dort. Herrlich spleenig, aber auch anschaulich, wie sich Ursina Tossi selbst als Tänzerin aus dem Off zu einem Loop einer Tanzphrase antreibt. (...)
How is form forming us back? Ursina Tossis
Your Outside is in and your Inside is out!
im Hamburger Sprechwerk Veröffentlicht am 26.05.2014, Autor Gastautor
Von Elisabeth Leopold
I’m not a robot, I’m a unicorn... Not everything could also be something. For example not everything could be half of something, which is still something and not nothing... Don’t you want to have a body? Mit einem Audio-Chat zwischen zwei Robotern wurde die Performance von der Choreografin Ursina Tossi eingeleitet, welche sich am Beginn des Stückes gemeinsam mit ihren zwei Tänzerinnen Nora Elberfeld und Angela Kecinski am hinteren Rand der Bühne nahe der Wand und mit den Rücken zum Publikum befand.
Wie die Motten zum Licht; dressierte und galoppierende Pferde; Fliegen, die an einem Klebestreifen auf der Fensterbank kleben bleiben? Ein Rudel hungriger Wölfe? Ein Schnüffeln, ein Suchen, mit Augen und Nasen? Wie aufgescheuchte Tauben schnell die Köpfe und Blicke durch den gesamten Raum irren lassen? Weberknechte an Wänden, Haufen von schlafenden tiefatmenden Wesen werden zu wuselnden Würmern oder Larven, deren Körper optisch nicht mehr voneinander zu trennen sind. Mechanisch wiederholte Bewegungsabläufe, die immer wieder ins Stocken geraten und manchmal sogar eine Assoziation zum menschlichen Schamgefühl aufkommen lassen.
Es war ein Abend, der vielerlei Assoziationen hervorgerufen hat und von Anfang an eine Bewegungsdynamik und -rhythmik etablierte, der man nicht entkommen konnte und wollte. Spiegel oder Anleitung? Was sehen die Performerinnen? Immer wieder stellte man sich die Frage, was wohl auf den zwei Bildschirmen zu sehen war, die vom Publikum aus nicht einsehbar waren. Was beobachten die Performerinnen? Was tun sie und inwiefern machen sie etwas selbst, oder machen „nur“ etwas nach? Aus dieser Bewegungshaltung heraus entstanden immer wieder spannende Momente der Überlappung, der Gleichzeitigkeiten, bis hin zu Unisono Momenten. Durch dieses, möglicherweise angeleitete, Bewegungsmaterial stellte sich die Frage nach Hierarchien von Entscheidungen, nach einer Selbst- oder Fremdbestimmtheit. Diese Frage wurde vor allem auch durch die Musikerin und Violinistin Irene Kepl verstärkt, die gemeinsam mit den Tänzerinnen auf der Bühne war und live spielte, beispielsweise Sound produzierte. Irene Kepl arbeitete bereits für das Stück "hin & her" mit Tossi zusammen, welches ebenfalls die Thematik von Hierarchien und das Entstehen von Beziehungsmuster bei der gemeinsamen Nutzung von Raum behandelt. Sie ist Gründerin der Konzertserie „Musik im Raum“ und gewann bereits den Theodor Körner- und den Gustav Mahler Kompositionspreis.
Der Titel des Stückes "Your Outside is in and your Inside is out!" verweist nicht nur auf eine Zeile aus dem Beatles Song: Everybody’s Got Something to Hide Except Me and my Monkey von 1968, sondern auch auf einen theoretischen Essay von Ranulph Glanville und Francisco Varela. Dieser verfolgt vor allem die konsequente Idee von einem Außen und einem Innen, welches nur eine Konsequenz des Gedankens ist, dass es einen äußeren Beobachter gibt. Die Form aller Dinge ist eigentlich identisch und kontinuierlich. „There is no inside, no outside except through the notion of the external observer.“
Die wechselnden Bewegungsqualitäten der Tänzerinnen und auch das spannende Timing führten zu fließenden Übergängen und öffneten immer wieder neue Assoziationsräume und Atmosphären. Gegen Ende des Stückes bricht die Technik noch stärker in den Bühnenraum ein und der gesamte Boden wird von einem flimmernden Fernsehstandbild bedeckt. Das Flimmern des Bildschirmes überträgt sich auf die Körper der Tänzerinnen. Leider schleicht sich an dieser Stelle eine gewisse Langatmigkeit ein, im Vergleich zu den vorherigen Szenen - was für mich vor allem an den Momenten der körperlichen Ausstiege aus den Bewegungsqualitäten zwischendurch lag. Der erste Moment eines solchen Ausstiegs funktionierte beeindruckend gut. Durch einen plötzlichen und sehr exakten Fokus und Blickkontakt mit dem Publikum, beispielsweise durch eine der anderen Performerninnen, wurde ein klarer Bruch hervorgerufen. In der oben genannten Szene aber, verwischte dieser Bruch zu einer, für mich in dieser Situation etwas unklaren, alltäglichen Bewegungsqualität. Durch das überraschende Ende wurde das Stück noch einmal in eine ganz andere Richtung gelenkt. Man konnte sich nicht recht entscheiden, ob man nun doch noch mehr von diesem schönen Endbild sehen wollte, in welchem die Tänzerinnen in Schlaufen leicht über dem Boden schwebten, oder es bei diesem schönen Abschlussmoment bleiben sollte. Die Neugierde war groß, jemanden sich in dieser Position bewegen zu sehen und dennoch war es ein gelungener Endpunkt des Stückes.
http://www.tanznetz.de/blog/26425/how-is-form-forming-us-back © 2014 Tanznetz.de
unter hirschen
Raum und Körper
Von FALK SCHREIBER am 14. Juni 2013 um 10:00 Uhr


Und am Ende ist da immer noch der Weg in den vierten Stock, über eine überraschend elegant geschwungene Wendeltreppe. (Foto: Falk Schreiber)
Mit das spannendste Gebäude der Stadt ist wahrscheinlich der alte Flakbunker an der Feldstraße. Ein quadratischer Brocken, 75 mal 75 mal 40 Meter nackter Beton, ein monströses Bauwerk, das seit einigen Jahren das uebel & gefährlich im obersten Stockwerk beherbergt, einen elegantly wasted Musikclub, der irgendwann einmal zum besten (oder zweitbesten, ich weiß es nicht mehr genau, und wichtig ist das auch nicht) Club des Landes gekürt wurde, was seinem Coolnessfaktor nicht unbedingt gut tat, egal, das Gebäude ist immer noch da, nicht wegzukriegen, eine schmutziggraue Wunde im Stadtbild, vor der auch das uncoolste Publikum klein beigeben muss. Und am Ende ist da immer noch der Weg in den vierten Stock des Bunkers, mit dem Lastenaufzug oder aber über eine überraschend elegant geschwungene Wendeltreppe, und dann ist man oben.
Wo heute kein Konzert und kein Clubabend stattfindet, sondern Tanztheater. Das versuchten die Clubbetreiber immer wieder: Auch Szenen jenseits der traditionellen Nachtlebensblase in den Bunker zu locken, mit Lesungen funktionierte das halbwegs, mit Theater, naja. Ursina Tossis Choreografie „Unter Hirschen“ ist ein Stück weit eine Ausnahme, weil es gar nicht wirklich Tanz ist, sondern ein Konzert; das Noisetrio The Hirsch Effekt spielt, während Tossi sich durch den Raum bewegt, und das passt schon, so etwas nicht in einem Theatergebäude stattfinden zu lassen, sondern an einem Ort, an dem auch sonst Bands spielen. (Wobei dieser Gedanke natürlich impliziert, dass in Theatern ansonsten ausschließlich gesittet Musik gehört werde, und so ist das ja auch nicht, aber, naja.) „Die Musik reibt sich am Tanz“, schreibt Tossi über ihr Stück. „Die Entfernungen der Körper erzeugen den Wunsch zu verbinden, sich zusammenzuschließen. Wie formt der Blick die Körper zu einem Bild? Wie werden antagonistische Kräfte innerhalb eines Systems verhandelt?“ Na, das ist eben Tanzdramaturgenprosa, mir gibt das wenig, weil es auch eigentlich nichts über den Charakter des Stücks aussagt, da wird versucht, Worte für etwas zu finden, für das es keine Worte gibt.
Schlüsselbegriffe gibt es allerdings, die wichtig sind. „Klang, Körper und Raum ermitteln ein Format, das Bekanntes mit Unbekanntem verknüpft und das Wiederkehrende mit der Ex- und Implosion der Form konfrontiert.“ Klang, okay, der ist unüberhörbar. Körper findet dagegen vor allem in seiner Abwesenheit statt: Tossis Tanz ist extrem unkörperlich, ich brauchte sogar meine Zeit, um zu realisieren, dass die Performerin schwanger ist. Und dann eben: der Raum. Der mehr ist als nur das, was in der Theatertheorie als Raum definiert ist, der bespielte Bereich eben, der im Staatstheater sein kann oder in der Hinterhofbühne. Der Raum hier ist mehr: Er ist wieder dieses atemberaubende, viel zu große, alles erschlagende Gebäude, dem man auch nur mit ebenfalls atemberaubenden Sounds beikommt, Gitarrebassdrumsfeedbacks, das geht dann noch halbwegs, was nicht geht, ist eine junge Frau, die sich bewegt. Die wird aufgefressen von der Ästhetik dieser Mauern, und wie sie aufgefressen wird, das macht „Unter Hirschen“ dann wirklich zum überaus interessanten Theatererlebnis.
An einer Stelle steht Hirsch-Effekt-Bassist Ilja Lappin in ikonographischer Rockpose da: ein Schlaks im Gegenlicht, das Instrument auf Kniehöhe. Er spielt eine dumpfe Melodie, dann dreht Tossi ihm den Saft ab, das Publikum kichert, man glaubt, eine Selbstermächtigung des Tanzes zu erleben, ein paar Sekunden lang, obwohl, Tanz findet jetzt genauso wenig statt wie Musik. Dann aber nehmen The Hirsch Effekt ihr plötzlich nutzloses Equipment und spielen noch ein Stück, stumm, auf unverstärkten Instrumenten. Und hier, wo die Band dekonstruiert ist und der Körper sich nur noch im Hintergrund erahnen lässt, merkt man, dass es noch etwas gibt, das einfach da geblieben ist. Der Raum, 40 Meter nackter Beton.
„Unter Hirschen“, weitere Aufführungen: 14. und 15. 6., uebel & gefährlich, Hamburg


wastun

Irmela Kästner, Die Welt 30.03.2012

Mechanik im Hamsterrad des Lebens / Choreografin Ursina Tossi auf Kampnagel

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Und auch das ist Arbeit. Ursina Tossi hält sich fest im Hamsterrad ihrer Menschmaschine. Das ist einerseits beeindruckend konsequent, andererseits tritt sie mit der Choreografie "wastun" zum Abschluss ihrer Residenz am Zentrum für Choreographie auf Kampnagel auf der Stelle. Einatmen, ausatmen, laut und stoßweise, im synchronen Rhythmus mit ihrem Bühnenpartner Philipp van der Heijden legt die Hamburger Choreografin selbst diesen Ur-Impuls von Leben strikt an die Leine. Anfangs vermutet man eine rituelle Absicht. Doch die reine Mechanik behält die Oberhand. Am Boden liegend, öffnen und schließen sich die Körper wie Klappmesser, schieben sich sitzend im Vor und Rück durch den Raum.
Die Bewegung, das Tun, deutet schon mal erkennbare Handlungen an, wird mit kühnem Beinschwung und einer Drehung für einen Moment zum Tanz. Ein befreiender Moment, dem nicht nachgegangen wird. Fragen nach einer körperlichen Materialität, die Identität und bestenfalls Sinn stiftet, stellte sich die Choreografin in früheren Arbeiten in Verbindung verschiedener tänzerischer und medialer Ebenen. Hier konzentriert sie sich ganz auf den Körperausdruck, einmal nur unterbrochen von einer eingespielten schrägen Polka, bei der die Tänzer sich zur Paarmaschine aneinanderklammern. Die stoßweise Atmung hält die Wahrnehmung des Publikums wach. Die Energie, die sich aufbaut, verbreitet allerdings über weite Strecken eine enervierend autoaggressive Note. Freigeschwommen hat sich die Hamburgerin während ihrer Residenz nicht, wie übrigens keine der Residentinnen in diesem Jahrgang. Doch lohnt es sich, die Arbeit von Tossi weiter zu verfolgen.
Abwesen

Irmela Kästner|, Die Welt, 12.03.2011
Klafft eine Lücke, dann überbrücke / Choreografie "Abwesen" von Ursina Tossi
Irgendetwas fehlt immer. Stets klafft eine Lücke. Die Hamburger Choreografin Ursina Tossi stellt sich dem Mangel, macht ihn zum Thema ihres jüngsten Stücks "Abwesen", das im Hamburger Sprechwerk Premiere feierte. Es ist mehr empfundene denn reale Unvollkommenheit, der vier Tänzer hier auf der Spur sind. Tossi, die sich in den letzten Jahren in der freien Tanzszene Hamburgs einen Namen gemacht hat, stellt sich gern theoretische Fragen, sucht nach dem Widerspruch zwischen Empfindung und Erleben, zwischen Wunsch und Realität, womöglich zwischen Kopf und Körper, den sie in hoch dynamischen und sehr emotionalen Tanz überführt.
Angst bestimmt den Anfang. Mit dem Rücken zum Publikum krallen sich die Tänzer in die Wand, stoßen sich ab, werfen sich auf den Bauch, halten mit starrem Blick ihre Umgebung in Schach, fühlen sich sichtlich unwohl und fehl am Platz. Drei Frauen, einschließlich der Choreografin, und ein Mann treffen in dieser internationalen Besetzung aufeinander, ohne dass das Verhältnis der Geschlechter eine Rolle spielt. Harmonie und Dissonanz sind eine Frage von Energie, die in der Klangcollage von Johannes Mietke Resonanz findet.
Tossi versteht es, den Bühnenraum in seiner gesamten Weite unter Spannung zu setzen. Wie zur Neutralisation ihrer Gefühlslagen formieren sich die vier wiederholt, um routiniert Boden unter den Füßen zu gewinnen. Doch erst in der Auflösung der Form, im grandiosen Überschwang chaotischer Bewegung wie auch in der Stille, greift die Poesie, schließt sich die Lücke, ist dieser Tanz sich selbst genug.
missing link
Irmela Kästner, Die Welt, 1. Februar 2010
[…] Ebenfalls inspiriert von projizierter Bildbewegung zeigt sich Ursina Tossis abstrakte Bewegungsstudie "re". Eindringlich rotieren grafische Objekte auf der Leinwand, weisen Formeln auf Gesetzmäßigkeiten von Fliehkraft und Trägheit hin, reiben sich an den Gesten von vier Tänzerinnen, die ein eigensinnig sperriges Alphabet deklinieren, als gelte es, die Anatomie des Körpers neu zu formulieren.
Die Strukturen verflüssigen sich, Energien werden frei. Eine Kommunikation entsteht zwischen Bild und tanzendem Körper, die in kluger Weise eine dynamische Architektur des Tanzes aufbaut, die weit über physische Grenzen hinausweist. Im Dunkeln ziehen schließlich zwei Tänzerinnen kraftvoll ihre Kreise und beweisen, dass abstrakter Tanz für den Zuschauer eine sinnliche wie auch geistig erhellende Erfahrung sein kann. Auf die Premiere von "re" im März im Hamburger Sprechwerk darf man gespannt sein.
ZONE Nora Abel Rahman, Mannheimer Morgen 2010
(...) „ „Zone“ soll dagegen einen leeren Raum bezeichnen, den die Tänzerin Ursina Tossi aus Hamburg füllt. Ihr Bewegungstheater zeigt alle Facetten: Mal kraftvoll und dann wieder zart, mal akrobatisch und schließlich wild bis hin zur Ohnmacht am Boden. Andrej Tarkovski hat mit seinem sience-fiction-Film „Stalker“ die Vorlage für dieses Stück geliefert, und Johannes Miethke die musikalische Seite. Tänzerin Ursina Tossi bleibt zwar einsam im Raum, doch ihr Körper bietet der Leere Paroli. Mit überaschenden Wendungen hinterlässt sie Ihre Spuren für wache Betrachter.“

rough-take 1 Klaus Witzeling, Hamburger Abendblatt 2008
„Zwei lachende Tänzerinnen unten im Parkett schubsen die Kollegin auf die Bühne, befehlen: "Singen!" oder "Tanzen!" und lassen sie "verhungern". Gewalt im Spiel zwischen Choreografin/Regisseurin und den Akteuren gehört eigentlich zum Metier und wird mehr oder weniger direkt ausgeübt: vom klassischen Ballett bis zum Musical.“

Rauer Tanz im Sprechwerk, (-itz), Abendblatt 10.12.08
"Rough" heißt die neue Tanzperformance der Hamburger Choreografin Ursina Tossi. Und rau geht es auch zwischen den drei Tänzerinnen Vanessa Thrull,
"Rough" heißt die neue Tanzperformance der Hamburger Choreografin Ursina Tossi. Und rau geht es auch zwischen den drei Tänzerinnen Vanessa Thrull, Silvana Suarez Cedeno und Tossi zu. Das attraktive Damen-Trio ließ sich gegen das Klischee vom sanften Weibchen von den gewalttätigen Bildern aus Filmen des amerikanischen Kultregisseurs Quentin Tarantino animieren. Tossi, eine elegante dynamische Performerin, untersucht in ihrer Szenencollage das Verhältnis von realer und medialisierter Gewalt - und ersetzt naturgemäß Schlagkraft durch rasanten Tanz.


Die Kandidaten / Filip van Huffel Klaus Witzeling, Hamburger Abendblatt 2007
„In der Folge der Einzelnummern fiel Ursina Tossi durch Präsenz und eigenwillige Bewegungssprache ihres aggressiven Charaktersolos auf.“
fuminsho Klaus Witzeling, Hamburger Abendblatt 2007
„Wach machten allerdings die schönen, sich rastlos über den Boden schraubenden Duos von Tossi und Serizawa.“