Hamburger Performance Blue Moon
Rebellierendes Rudel 19.10.18 Robert Matthies /taz

In „Blue Moon“ spielt die Hamburger Choreografin Ursina Tossi ausdrücklich feministisch mit der ambivalenten Gestalt der Werwölfin.
Vier Frauen auf allen vieren fletschen die Zähne
Maul aufreißen, Zähne zeigen: Diese Werwölfinnen lassen sich nicht züchtigen.
Schwere Eisenketten hängen auf den Boden herab; Tierfelle, Knochen – und Strumpfhosen, lang gedehnt, weil sich in ihnen menschliche Körperteile befinden: Ohren oder Hände in einer blutigen Flüssigkeit. Unheilvolles Dröhnen in der Luft, Nebelschwaden auf dem Boden, darin liegen sie: fünf Fellwesen, die allmählich erwachen und beginnen, sich auf allen vieren durch den Raum zu bewegen.
Ungestalt wirken ihre Bewegungen noch, als wüssten sie ihren Körper und die in ihm steckenden Kräfte nicht richtig zu nutzen und zu kontrollieren. Es ist ein laszives Zur-Welt-Kommen, ein aggressiv-lustvolles Sich-Selbst-Entdecken: Fauchend umkriechen sie einander, riechen aneinander, verbeißen sich ineinander. Dann verwandelt sich das Fauchen in ein atemloses Stöhnen, transformieren sich die Bewegungen in masturbatorische und koitale Posen. Immer aggressiver wirkt das, immer animalischer und wilder.
In ein Rudel Werwölfinnen verwandeln sich die fünf Performerinnen im Stück „Blue Moon“ der Hamburger Choreografin und Tänzerin Ursina Tossi, das am Mittwoch auf Kampnagel Premiere feierte und diesen Samstag noch einmal zu sehen ist. Und wie schon in ihren letzten beiden Stücken, „Resisting Bodies“ und „Bare Bodies“, erzählt Tossi an diesem Abend nicht einfach eine Werwölfinnengeschichte, sondern zeigt eben: Verwandlungen, Verlaufsformen körperlicher Zustände, die Zu- und Entschreibung von Körperbildern – von Gestalten und Ungestalten in Gestalt der ambivalenten Figur der (Raub-)Tierwandlerin.
Auch diesmal ist Tossis Interesse ausdrücklich politisch. Ausgangspunkt ist ein feministischer Blick auf die historische Disziplinierung, Zurichtung und Zerstörung weiblicher Körper und den Widerhall der eben auch auf Scheiterhaufen und in Folterkellern entwickelten Frauenkörperbilder in popkulturellen Genres wie Horror, Fantasy oder Science-Fiction.
Hintergrund sind unverkennbar Silvia Federicis viel beachtete Thesen zur Enteignung und Ausbeutung weiblicher und kolonialisierter Körper. In ihrem Buch „Caliban und die Hexe: Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation“ führte die Radikalfeministin vor vierzehn Jahren die Geschichte der Hexenverfolgung mit der Entstehung des Kapitalismus zusammen.
Kontrollierte Körper
Federicis zentrale These: Die Kontrolle über den weiblichen Körper und die weibliche Sexualität, die Reduktion auf ihre reproduktive Funktion und die Züchtigung ihres rebellischen Körpers sind wesentliche Voraussetzung für Entwicklung des Kapitalismus, für die Arbeitsdisziplin ebenso wie für die Reproduktion der Arbeiter*innenklasse. Brutalster Ausdruck dieser Vertiefung der Geschlechterverhältnisse waren die Verfolgung von Hexen und eben auch – selten zwar – Werwölfinnen als Symbol für eine aggressive, nicht zu bändigende Sexualität: ein Angriff auf den Widerstand von Frauen gegen die Ausbreitung kapitalistischer Verhältnisse, resümiert Federici.
Und so zelebriert Tossis Werwölfinnen-Rudel eine gute Stunde lang die Wandlungsfähigkeit und Selbstbehauptung einer Figur, die sich der Vereindeutigung immer wieder entzieht. Durch alle Transformationen hindurch bleibt sie – das buchstabiert die Körpersprache präzise aus – in der Schwebe: weder Tier noch Mensch, weder Wildnis noch Zivilisation, weder Natur noch Kultur und oft auch: weder eindeutig Frau noch Mann.
Immer wieder beziehen sich Szenen auf Märchen oder Filme: Absurd komisch ist die Verwandlungsszene aus „American Werewolf“ als Corps-de-ballet-Reenactment. In einer anderen Szene sind die Performerinnen ein kollektives Zwitterwesen aus Rotkäppchen und dem Wolf, Täter und Opfer des Grimm’schen Vergewaltigungsmärchens zugleich: Geh nicht in den Wald, raunen sie, zischen: Was hast du unter deiner Schürze? Bald läuft das Rudel in seinen Fellmänteln im Catwalk, später streifen die Werwölfinnen ihre Mäntel ab, gebärden sich zu stampfendem Beat wie eine Meute von Hooligans auf der Suche nach Opfern, beschmieren sich mit Kunstblut und gehen bedrohlich aufs Publikum zu: Ich habe Hunger!
Am Ende dann ein utopischer Ausblick: ein merkwürdiges Kollektivwesen, ein Fellknäuel, aus dem nur hier und da mal eine Hand ragt. Und schließlich nur noch diabolisches Lachen.

aus taz Nord vom 18.3.2017 Seite 47 Hamburg 59 ePaper
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Der Einbruch der Wildnis in die städtische Zivilisation. Was diese Werwolf-Show auf Kampnagel sehenswert macht. 19.10.18 Anette Stiekele

Hamburg.  Schon auf den Werbeplakaten sah man Ursina Tossis Performance-Ensemble zu „Blue Moon“ wölfisch unterm (Kunst-)Pelzmantel blutrot die Zähne fletschen. Ein Hingucker. Allerdings weckte dies bereits Vorstellungen, die die Premiere auf Kampnagel dann recht überraschungsarm einlöste.
Die Choreografin, die an der Contemporary Dance School Hamburg unterrichtet, ließ ihre Werwölfinnen in Sportkleidung mit Knieschonern los; diese räkelten sich in einer nebligen Bühneninstallation aus von der Decke hängenden Ketten, Knochen und Tierfellen. Eine rohe Schlachthaus-Kulisse, die zugleich auch ein Kellerclub à la Berghain sein könnte. Die fünf Tänzerinnen inklusive der Choreografin fauchen bedrohlich, gehen das Publikum an, umkreisen einander lüstern. Dann wieder marschieren sie über einen imaginären Catwalk, irgendwann fließt ein wenig Blut.
Protest der Werwölfinnen
Es ist der Einbruch der Wildnis in die städtische Zivilisation, gegen die diese Werwölfinnen protestieren, rebellieren. Sie erheben auch ihre Stimmen, sprechen mal auf Englisch, mal auf Deutsch von der Technologie, durch die die Sinne abhandengekommen seien. Das tun sie mit sichtlicher Freude, weshalb es einfach Spaß bringt, diesen Tier-Menschen bei ihrer Selbstbehauptung zuzuschauen.
Denn der Werwolf ist in der Kulturgeschichte bis hin zu Hollywoods Horrorstreifen meistens ein Mann. In der Mythologie seit den alten Griechen bekannt, ist er ein Wesen, das einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Er plündert, raubt, nimmt sich, was er begehrt, ohne Rücksicht auf Verluste. Er verfügt über eine Freiheit, die Frauen meist nicht zugestanden wird. Die Überlegung, das Wölfische auf das Weibliche zu übertragen, macht diese Werwolf-Show sehenswert.

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Körper in Unordnung von Robert Matthies
Tossis „Bare Bodies“ ist Sci-Fi im besten Sinne: So könnte die Welt einmal aussehen

(…) Viel ausgereifter ist, was die freie Hamburger Tänzerin und Choreografin Ursina Tossi anschließend als Zwischenfazit ihrer jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Körper als Ausgangs- und Anknüpfungspunkt politischen und auch widerständigen Handelns präsentiert. „Resisting Bodies“ hieß schon die Performance, in der sie vergangenes Jahr im Kunstverein Harburger Bahnhof Gesten und Strategien von Widerstandsbewegungen und widerständige Körperbewegungen zum Thema macht: Ein Abend im Spannungsfeld zwischen politischen Posen und politischen Positionen, tänzerischer Bewegung und dem stockenden und blockierenden Innehalten auf der anderen Seite.
In „Bare Bodies - Bodies & States of Exception“ setzt Tossi diese Auseinandersetzung fort. Ausgangspunkt ist unverkennbar, was im Anschluss an den italienischen Philosophen Giorgio Agamben seit den 1990er Jahren unter dem Stichwort „nacktes Leben“ diskutiert wird: ein jeglicher Rechte entkleidetes und darum ungeschütztes Leben, das der Macht absolut ausgeliefert ist. Als solches aber wird es zugleich zum „biologischen Nullwert“ der Moderne, zum Material, an dem die Einkleidung mit Rechten, die Entstehung politischer Subjektivitäten ansetzt.
Tossi erzählt darum auch keine Geschichte, sondern zeigt Verlaufsformen körperlicher Zustände. Und es gelingt ihr, den nackten Körper in seiner ganzen Ambivalenz, seiner Fragilität ebenso wie seiner Machtfülle zum Ausgangspunkt einer radikal körperlich bleibenden Untersuchung über Zu- und Entschreibungen von Körperbildern zu machen: über die sowohl in seiner Ausgestelltheit und Ausgeliefertheit als auch seiner Kraft steckenden Möglichkeiten.
Wie die vier vollkommen unbekleideten Tänzerinnen Lisa Densem, Angela Kecinski, Tümay Kilincel und Tossi selbst - allesamt stark - die in ihren Körpern und ihrem statuesken Verbund steckednen Möglichkeiten ausloten, ausprobieren, verwerfen und miteinander zu kommunizieren beginnen, ist in allen Nuancen faszinierend und wirkt wie aus einer anderen Welt: getanzte Science - Fiction im besten Sinne. So könnte die Welt einmal aussehen - nach dem Kollabieren der alten Ordnung.
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RESISTING ANTHROPOCENE
“Bare Bodies – Bodies & States of Exception” by Ursina Tossi at Kampnagel
Veröffentlicht am 30.03.2017, von Gastautor
Hamburg - Von Anna Semenova-Ganz

“That is the free theatre!” – commented one of the visitors to another the fact that all spectators already after the wardrobe had to leave the building of Kampnagel and to enter the stage from the backside. That was necessary to get in without passing along the stage. All the seats were covered with the box from white textile, inside of such shelter on the four screens with video art the random 3D models were rotating on the black background and time after time interrupted with fast shots of naked bodies. Similar models created on 3D printer were exhibited on the table as the archeological artifacts or bones. Together with the video these unidentified objects created an aesthetic frame of post-digital archeology. The shelter was full with the spectators and two performers in transparent plastic overalls on the naked bodies were moving inside the audience.
What does the spectator feel sitting in the white cube isolated from the stage? I expected that one of the walls, will be opened as a curtain. But instead I heard some sounds on the hidden stage and saw the flashes of the stroboscope, while staying seated in the isolated white space. The male voice on the background cited that the privacy is the most important thing, nevertheless at that very moment the most curious people were secretly looking through the curtain at stage. Some of them stepped out and didn’t come back.
The rest of spectators followed and we found ourselves in another space. From the white and bright shelter, we stepped into dark stage with the black floor. Four naked women were joyfully dancing to classical music like the nymphs, surrounding the newcomers with the roundelay. Once all of the spectators came out of the space (an it turned out that there were also second white space like that) and placed themselves at the stage the atmosphere has changed: classical music has gone, one of performers (Tümay Kılınçel) started to interact with the clue of orange chords, two of them (Ursina Tossi and Angela Kecinski) were in the fight-birth-like resistant contact improvisation, the fourth one (Lisa Densem) interacted with the hanging chords in the corner.
For every part of spectators, who now were already mostly sitting in a circle on the floor, the performance had different accents, depending on which performer was closer; there was no certain ‘right’ point of view, as well as no ‘wrong’. Although the four performers were naked, completely naked, the hair-band was the only item they all worn, the work didn’t create any erotic context. Assumingly for any performer that is always a challenge to perform naked, but in case with “Bare bodies” that was not the thought you have while watching it, that is one of the most fascinating effects of the work, the body was brought into another political dimension and stopped to address all conventional female body messages.
The nakedness took attention from the facial expressions, the plasticity of the body turned to be more appealing than the mimic. The attempt to bring performers of different age didn’t work, if that was an intention, because trained bodies of dancers were in comparably good shape and the faces, which could better represent the age, were not in the focus. All bodies were around the same weight and height, none of them took less or more attention because of some special features, in a way they were uniformed.
Choreograph Ursina Tossi explored the bodies in post-anthropocene context, as a refrain to the choreography two screens (white curtains tuned into) showed video with 3D models, as well as video webcams for animal research and archive from rehearsals in the same but empty stage. Naked female bodies referred to Matisse “Dance”, Roman bas-reliefs or “Laocoön” and at the same time to the glitched objects from 3D-printer. That could be the beginning of the “Space Odyssey” or the end of it.
One of the most stunning scenes was based on the contact improvisation technique when all four bodies were moving in one direction, supporting and lifting each other, staying in touch and turning into one organism made from human bodies. The chthonic character of this scene brought a reference to soviet sci-fi movie “Through the Thorns to the Stars”, where the life on the further planet was planned to be created from the “bio-mass” (which was produced for the film at before CG-times from a dough). In the piece by Tossi one can also meet such traces of “arte povere” in media-art, where the aesthetical meaning is reached by the minimal means of scenography.
In the last third of performance the subject of communication became present, the performers tried to establish new communication referring to rituals and to decoding of digital sounds, when every dancing body performed on it’s own way guided by secret voice in the headphones, partly citing, sometimes synchronic, the text, which was nevertheless hard to reconstruct from the quotes. The performance made a loop and quasi-archeological objects on the table at the entrance appeared again in the form of the deconstructed sounds they were decoded into. Again many pieces (of objects or sounds) tried to create the feeling of the complete meaning, but, at the last moment, just left a trace of the hope for possibility to understand
http://www.tanznetz.de/blog/28054/resisting-anthropocene © 2017 Tanznetz.de

RESISTING BODIES
Tanz mit geballten Fäusten, TAZ Hamburg, 11./12. Juni 2016, Katrin Ullmann
CHOREOGRAFIE Von Posen und Positionen: „Resisting Bodies“ untersucht im Kunstverein Harburger Bahnhof den Körper als Ort, an dem politisches Handeln seinen Anfang nimmt – und damit auch der Widerstand.

Lang strecken sie die Zunge raus, verdrehen ihre Augen und Kör- per, schneiden Grimassen und Fratzen. Es ist eine umissver- ständliche Kampfansage, voll geballter, gebündelter Aggres- sion. Wild stampfen sie mit den Füßen auf, klatschen in die Hände. Erst langsam, dann immer schneller werdend. Der ganze Mensch befindet sich im Rhythmus. Das Klatschen wird lauter. Ob Boden, Raum oder Körper: Alles ist jetzt Resonanz.
Es sind vier Tänzerinnen, die sich da in Rage bringen, sich ver- renken und verdrehen. Gelenkt und geleitet von klaren choreo- grafischen Anweisungen perfor- men sie einen Haka. Haka, das ist ein ritueller Tanz der Maori, laut, kraft- und eindrucksvoll. Und tatsächlich könnte man meinen, so, ja, genau so muss ein Kriegstanz, oder zumindest getanzter Widerstand aussehen.
Doch stimmt das? Ein Haka wurde zwar auch – und dann in vollem Waffendekor – zur Ein- schüchterung des Gegners auf- geführt, meist aber zu Unterhal- tung oder zur Begrüßung. Mitt- lerweile hat dieser Tanz schon
fast Folklorecharakter mit weit geöffneten Grenzen in Rich- tung Cheerleading. Schließlich wird bei manchem neuseeländi- schen Rugbyspiel dieser archa- ische, rituelle Tanz als lautstar- kes, Adrenalin verströmendes Wettkampfspektakel zwischen den gegeneinander antreten- den Mannschaften inszeniert.
Kann man Widerstand über- haupt tänzerisch darstellen? Wie organisiert sich, wie bewegt sich ein widerständiger Körper? Was könnte eine Technologie des Wi- derstands sein? Wie könnte man eine Methode entwerfen, ein Training, mit der man sich für den politischen Widerstand be- reit macht?
Diesen Fragen geht die Tän- zerin und Choreografin Ursina Tossi in ihrer jüngsten Arbeit nach. Ab Donnerstag wird „Re- sisting Bodies“ für vier Tage im Harburger Kunstverein zu sehen sein. In den Räumlich- keiten des ehemaligen Warte- saals Erste-Klasse-Reisender. Ir- gendwo zwischen Fernbahnstre- cke und Nahverkehr.
In „Resisting Bodies“ versteht Ursina Tossi den Körper als ei- nen Ort, an dem das politische Handeln und damit auch der mögliche Widerstand ihren An- fang nehmen. Gemeinsam mit den Tänzerinnen Nora Elberfeld, Angela Kecinski und Silvana Su- arez Cedeño hat sie den Abend erarbeitet. Inhaltlich setzt Tossi ihre Untersuchungen zu hierar- chischen Strukturen fort – nach „Unter Hirschen“ (2013), „your outside is in and your inside is out“ (2014) und „Excellent birds“ (2015). Ästhetisch eingebettet ist ihre jüngste Arbeit in die eigen- willig-spielerischen Overhead- Projektionskunsträume von Katrin Bethge sowie die Sounds von Johannes Miethke.
Widerstand, das bedeutet vor allem Blockade, Stocken, Inne- halten. In Kombination mit Tanz, der aus und durch Bewe- gung entsteht, wähnt man sich da schon wieder auf der falschen Fährte. Tanz und Widerstand – ist das nicht völlig widersprüch- lich und eher kontraproduktiv?
„Sich dieser Unmöglichkeit an- zunähern, sie zu untersuchen, das fand ich gerade interes- sant“, entgegnet Ursina Tossi. „Wenn der Körper etwas aufhal- ten möchte“, fährt sie fort, „oder wenn er sich überhaupt in Be- wegung setzen möchte, dann braucht er einen Widerstand. Das heißt: Die grundsätzlichen Impulse des Körpers wie etwa Gehen oder Stehen sind nur möglich, weil man der Gravita- tion etwas entgegensetzt.“
Inhaltlich nimmt der Abend Bezug auf die lange Historie von Widerstandsbewegungen, hin- terfragt deren Gesten und Stra- tegien – man wird (auch) ge- ballte Fäuste und zum Trichter geöffnete Hände sehen – ver- weist auf Posen, Positionen und Resignation. Von Black Panthers bis Occupy, von Straßenkämp- fen, Sitzblockaden, Demonstra- tionen und Protesten.
Praktiken aus dem passiven Widerstand seien während der Probenzeit zentral gewesen, er- läutert Tossi. Etwa wenn es da- rum geht, „nicht zu reagieren, sondern durchlässig zu sein; eben nicht in die Muskelkraft oder in die Kontraktion zu ge- hen und stattdessen auf eine Totalentspannung hinzuarbeiten. Dann ist es sehr schwer, diese Person wegzutragen. Wenn Spannung auf Spannung trifft, kann man immer mit der Hebel- kraft arbeiten. Aber wenn sich jemand komplett entspannt, hat man keinen Zugriff mehr.“
In der direkt erfahrbaren Kör- perlichkeit sind Widerstand und Tanz einander ganz nah. Und auch in dem Bestreben, ein En- semble zu sein, eine Gruppe, eine starke Gemeinschaft. Sie seien während der Proben im- mer wieder damit beschäftigt gewesen, mehr zu werden im Raum, erklärt Tossi, „mit ver- schiedenen Mitteln, etwa auch durch die Sounds, versuchen wir vier, uns zu vervielfachen“.
Denn multipliziert man die an einem Protest Beteiligten, organisiert man den Wider- stand in einer größer werden- den Gruppe, gelingt es, Men- schenmengen zu aktivieren, dann spricht man von einer Wi- derstandsbewegung. Bewegung wiederum ist Körperlichkeit – und schließlich (auch) Tanz.
"Excellent Birds" inszeniert das Denken ohne Körper
Hamburger Abendblatt/Harburg/12.2.2015

Der Kunstverein Harburger Bahnhof präsentiert vom 19. bis 22 Februar die Choreografie "Excellent Birds". Ursina Tossi und Anja Winterhalter gehen der Frage nach, ob Denken ohne Körper möglich sei.
Harburg. In ihrer gemeinsamen Choreografie "Excellent Birds" gehen die Tänzerin Ursina Tossi und die Performerin Anja Winterhalter der Frage nach, ob Denken ohne Körper möglich sei. Der Kunstverein Harburger Bahnhof ist ab Donnerstag, 19. Februar, der bisher ungewohnte Schauplatz einer Performance, die auch an der Kampnagelfabrik beheimatet sein könnte.
"Excellent Birds" ist eine Choreografie über den Entwurf eines Mediums zur Rettung von Körperintelligenz. Ursina Tossi sieht Körperintelligenz als implizites Wesen. So können Menschen sich im Raum orientieren und gleichzeitig Fahrrad fahren und telefonieren.
Die Bewegung generiere das, was wir denken nennen. Ursina Tossi liebt große theoretische Fragen. Und so sucht sie nach nicht weniger als dem Körpergedächtnis für die Zeit, wenn die Sonne explodieren und die Menschheit aus dem Universum verschwunden sein wird.
Anja Winterhalter hat sich auf Kampnagel als Orakelkrake Paula (2013) und mit einem Nachruf auf die Esso-Häuser (2014) einen Namen in Hamburg gemacht. Beteiligt an der Performance aus Choreografie, Stimme und Installation ist noch die bildende Künstlerin Saskia Bannasch.
"Excellent Birds" (Choreografie/Stimme/Installation), 19. bis 22. Februar, jeweils 20 Uhr, Kunstverein Harburger Bahnhof
((tsu))

Seh sie fliegen "Excellent Birds" der Choreografin Ursina Tossi im Kunstverein Harburger Bahnhof
Veröffentlicht am 24.02.2015, von Elisabeth Leopold

Hamburg - Choreografie, Stimme, Installation - die Zusammenarbeit der Choreografin und Tänzerin Ursina Tossi, der Dramaturgin und Performerin Anja Winterhalter und der bildenden Künstlerin Saskia Bannasch fügt sich atmosphärisch wie selbstverständlich in die Räumlichkeiten des ehemaligen Wartesaals, in dem heute der Hamburger Kunstverein residiert. Der eindrucksvolle Saal mit den vertäfelten Decken, der sich direkt über den Gleisen des Harburger Bahnhofs befindet, reiht sich damit in die Linie interessanter Spielorte der Choreografin ein, die schon den ehemaligen Bunker und derzeitigen Club „Übel & Gefährlich“ tänzerisch erschloss.
Wie schon bei ihrem Stück „Your Outside is in and your inside is out“, welches demnächst noch einmal im Rahmen des „Hauptsache frei Festivals“ in Hamburg zu sehen sein wird, beginnt der Abend mit einer Soundeinlage von Johannes Miethke. Man wird hineingezogen in eine Soundebene, die unsere Realität in Frage stellt und eine virtuelle Parallelwelt erschafft. „No expectations, no money, no gender representation, no flow, no dance, no naked skin....“ A NO to nearly everything lautet die einleitende Devise und macht uns mit den Spielregeln des Abends vertraut. „Excellent Birds“ ist eine Choreografie über den Entwurf eines Mediums zur Rettung von Körperintelligenz über das menschliche Denken nach einer Sonnenexplosion hinaus.
Ein Science Fiction Gedankenexperiment – angelehnt an den französischen Philosophen und Literaturtheoretiker Jean-François Lyotard. Lyotard sah in den sich entwickelnden technischen Mitteln die Möglichkeit, den Menschen außerhalb eines „Bildes“ desselben festzuschreiben, und fürchtete zugleich den Verlust seiner „Menschlichkeit“. „I see pictures of people“ heißt die sich immer wiederholende Zeile in dem Song „Excellent Birds“ von Laurie Anderson und Peter Gabriel. Alles nur Erinnerung. Was bleibt nach einem außerplanetarem Neubeginn? Kann eine künstliche Vogelintelligenz ein Körpergedächtnis und eine Art von Kommunikation retten? „Excellent Birds“ schlägt ein Spiel vor, eine Computersimulation, in der es um nichts mehr und doch noch um alles geht, was bleibt. Reduziert und aufgewertet, übertragen und weitergetragen werden Gesten zu Cues, Sounds zur Verifizierung, Schwarmbewegungen zum Überleben. Sprache und damit die Kommunikation als größter bewegter Speicher der Menschheit wird mit Schwärmen einer Vogelintelligenz auf die Probe gestellt.
Die zwei Körper der Performerinnen liegen im Schein bläulicher Leuchtstoffröhren auf dem Boden. Das Lichtdesign von Lars Rubarth unterstützt den installativen und virtuellen Charakter des Abends. Ausschließlich mit alten Pilotenbrillen ausgestattet, die auch 3D Brillen sein könnten, sind die Körper zur Aktivierung bereit. Operation One, es kann losgehen, das Spiel beginnt. Gesten werden aktiviert, Reaktionen vom System gefordert und erste zirkuläre Schwingbewegung mit Leuchtstoffröhren erzeugt. Danach beginnt Tossi mit vogelartigen Orientierungsbewegungen, während sich Anja Winterhalter eine flügelartige Konstruktion aus den leuchtenden Stäben erbaut. Der virtuelle Raum entsteht vor unseren Augen. Operation Two, der Soundtest, die Kommunikation wird ausprobiert und nach einigen Fehlschlägen vom System akzeptiert. Plötzlich öffnen sich die Seitentüren links vom Zuschauer. Inmitten eines Haufens bereits gefalteter weißer Papiervögel, sitzt Saskia Bannasch im warmen Licht und heller Kleidung und faltet in konzentrierter Ruhe einen Papiervogel nach dem anderen. Spätestens mit diesem eindrucksstarken Bild entrückt man der unmittelbaren Bahnhofswirklichkeit. Der fertig gefaltete Vogel wird kurz getestet und dann auf eine schwarze Rutschbahn entlassen, auf dem er nach unten gleitet und inmitten seines Vogelschwarms zum Stillstand kommt. Mit diesem Einschnitt in das Stück wird der gesamte Rahmen des Experiments nochmal auf den Punkt gebracht. Die Mechanik getestet, die Bewegung reduziert auf ihre Möglichkeiten durch die Form, das Körpergedächtnis, das von außen auf einen eingeschrieben wird. Die Körperintelligenz selbst wird zur Form und auch wieder zu ihrer Auflösung. Der Transfer von Bewegung passiert mit Körper und mit Stimmen im Raum - Was ist unser Einsatz bei diesem Spiel? Wie überlebt man im Sammeln von Bonuspunkten, im Auf- und Absteigen von Levels?
„Du, Spieler_in des Spiels. Betrete das Fligh-High-System und erweitere dein Territorium. Speicher deine Exzellenz! Gratuliere! Du bist die Sieger_in! Du bist die Nummer 1! Willkommen zum nächsten Level!“
http://www.tanznetz.de/blog/26877/seh-sie-fliegen © 2015 Tanznetz.de
Ursina Tossis "Excellent Birds" im Harburger Bahnhof © Saskia Bannasch

We’ve got to get in to get out
DanceKiosk mit faszinierenden Bewegungsstudien, (asti) Hamburger Abendblatt 17.10.14
Hamburg. Der DanceKiosk ist das etablierte Präsentationsforum für die Hamburger Tanzszene, aber auch längst Magnet für internationale Choreografen. Diese Mischung ließ sich zum Auftakt im Hamburger Sprechwerk anhand dreier Tanzperformances begutachten. (...) Theoretisch, aber auch amüsant hat die Hamburger Choreografin Ursina Tossi in "We've got to get in to get out" eine Lecture mit den Mitteln von Video und Bühnenperformance erstellt. Launiges Sesamstraßen-Personal erläutert per Video die Bedeutung von hier und dort. Herrlich spleenig, aber auch anschaulich, wie sich Ursina Tossi selbst als Tänzerin aus dem Off zu einem Loop einer Tanzphrase antreibt. (...)

How is form forming us back? Ursina Tossis
Your Outside is in and your Inside is out!
im Hamburger Sprechwerk Veröffentlicht am 26.05.2014, Autor Gastautor
Von Elisabeth Leopold

I’m not a robot, I’m a unicorn... Not everything could also be something. For example not everything could be half of something, which is still something and not nothing... Don’t you want to have a body? Mit einem Audio-Chat zwischen zwei Robotern wurde die Performance von der Choreografin Ursina Tossi eingeleitet, welche sich am Beginn des Stückes gemeinsam mit ihren zwei Tänzerinnen Nora Elberfeld und Angela Kecinski am hinteren Rand der Bühne nahe der Wand und mit den Rücken zum Publikum befand.
Wie die Motten zum Licht; dressierte und galoppierende Pferde; Fliegen, die an einem Klebestreifen auf der Fensterbank kleben bleiben? Ein Rudel hungriger Wölfe? Ein Schnüffeln, ein Suchen, mit Augen und Nasen? Wie aufgescheuchte Tauben schnell die Köpfe und Blicke durch den gesamten Raum irren lassen? Weberknechte an Wänden, Haufen von schlafenden tiefatmenden Wesen werden zu wuselnden Würmern oder Larven, deren Körper optisch nicht mehr voneinander zu trennen sind. Mechanisch wiederholte Bewegungsabläufe, die immer wieder ins Stocken geraten und manchmal sogar eine Assoziation zum menschlichen Schamgefühl aufkommen lassen.
Es war ein Abend, der vielerlei Assoziationen hervorgerufen hat und von Anfang an eine Bewegungsdynamik und -rhythmik etablierte, der man nicht entkommen konnte und wollte. Spiegel oder Anleitung? Was sehen die Performerinnen? Immer wieder stellte man sich die Frage, was wohl auf den zwei Bildschirmen zu sehen war, die vom Publikum aus nicht einsehbar waren. Was beobachten die Performerinnen? Was tun sie und inwiefern machen sie etwas selbst, oder machen „nur“ etwas nach? Aus dieser Bewegungshaltung heraus entstanden immer wieder spannende Momente der Überlappung, der Gleichzeitigkeiten, bis hin zu Unisono Momenten. Durch dieses, möglicherweise angeleitete, Bewegungsmaterial stellte sich die Frage nach Hierarchien von Entscheidungen, nach einer Selbst- oder Fremdbestimmtheit. Diese Frage wurde vor allem auch durch die Musikerin und Violinistin Irene Kepl verstärkt, die gemeinsam mit den Tänzerinnen auf der Bühne war und live spielte, beispielsweise Sound produzierte. Irene Kepl arbeitete bereits für das Stück "hin & her" mit Tossi zusammen, welches ebenfalls die Thematik von Hierarchien und das Entstehen von Beziehungsmuster bei der gemeinsamen Nutzung von Raum behandelt. Sie ist Gründerin der Konzertserie „Musik im Raum“ und gewann bereits den Theodor Körner- und den Gustav Mahler Kompositionspreis.
Der Titel des Stückes "Your Outside is in and your Inside is out!" verweist nicht nur auf eine Zeile aus dem Beatles Song: Everybody’s Got Something to Hide Except Me and my Monkey von 1968, sondern auch auf einen theoretischen Essay von Ranulph Glanville und Francisco Varela. Dieser verfolgt vor allem die konsequente Idee von einem Außen und einem Innen, welches nur eine Konsequenz des Gedankens ist, dass es einen äußeren Beobachter gibt. Die Form aller Dinge ist eigentlich identisch und kontinuierlich. „There is no inside, no outside except through the notion of the external observer.“
Die wechselnden Bewegungsqualitäten der Tänzerinnen und auch das spannende Timing führten zu fließenden Übergängen und öffneten immer wieder neue Assoziationsräume und Atmosphären. Gegen Ende des Stückes bricht die Technik noch stärker in den Bühnenraum ein und der gesamte Boden wird von einem flimmernden Fernsehstandbild bedeckt. Das Flimmern des Bildschirmes überträgt sich auf die Körper der Tänzerinnen. Leider schleicht sich an dieser Stelle eine gewisse Langatmigkeit ein, im Vergleich zu den vorherigen Szenen - was für mich vor allem an den Momenten der körperlichen Ausstiege aus den Bewegungsqualitäten zwischendurch lag. Der erste Moment eines solchen Ausstiegs funktionierte beeindruckend gut. Durch einen plötzlichen und sehr exakten Fokus und Blickkontakt mit dem Publikum, beispielsweise durch eine der anderen Performerninnen, wurde ein klarer Bruch hervorgerufen. In der oben genannten Szene aber, verwischte dieser Bruch zu einer, für mich in dieser Situation etwas unklaren, alltäglichen Bewegungsqualität. Durch das überraschende Ende wurde das Stück noch einmal in eine ganz andere Richtung gelenkt. Man konnte sich nicht recht entscheiden, ob man nun doch noch mehr von diesem schönen Endbild sehen wollte, in welchem die Tänzerinnen in Schlaufen leicht über dem Boden schwebten, oder es bei diesem schönen Abschlussmoment bleiben sollte. Die Neugierde war groß, jemanden sich in dieser Position bewegen zu sehen und dennoch war es ein gelungener Endpunkt des Stückes.
http://www.tanznetz.de/blog/26425/how-is-form-forming-us-back © 2014 Tanznetz.de


unter hirschen
Raum und Körper
Von FALK SCHREIBER am 14. Juni 2013 um 10:00 Uhr

Und am Ende ist da immer noch der Weg in den vierten Stock, über eine überraschend elegant geschwungene Wendeltreppe. (Foto: Falk Schreiber)
Mit das spannendste Gebäude der Stadt ist wahrscheinlich der alte Flakbunker an der Feldstraße. Ein quadratischer Brocken, 75 mal 75 mal 40 Meter nackter Beton, ein monströses Bauwerk, das seit einigen Jahren das uebel & gefährlich im obersten Stockwerk beherbergt, einen elegantly wasted Musikclub, der irgendwann einmal zum besten (oder zweitbesten, ich weiß es nicht mehr genau, und wichtig ist das auch nicht) Club des Landes gekürt wurde, was seinem Coolnessfaktor nicht unbedingt gut tat, egal, das Gebäude ist immer noch da, nicht wegzukriegen, eine schmutziggraue Wunde im Stadtbild, vor der auch das uncoolste Publikum klein beigeben muss. Und am Ende ist da immer noch der Weg in den vierten Stock des Bunkers, mit dem Lastenaufzug oder aber über eine überraschend elegant geschwungene Wendeltreppe, und dann ist man oben.
Wo heute kein Konzert und kein Clubabend stattfindet, sondern Tanztheater. Das versuchten die Clubbetreiber immer wieder: Auch Szenen jenseits der traditionellen Nachtlebensblase in den Bunker zu locken, mit Lesungen funktionierte das halbwegs, mit Theater, naja. Ursina Tossis Choreografie „Unter Hirschen“ ist ein Stück weit eine Ausnahme, weil es gar nicht wirklich Tanz ist, sondern ein Konzert; das Noisetrio The Hirsch Effekt spielt, während Tossi sich durch den Raum bewegt, und das passt schon, so etwas nicht in einem Theatergebäude stattfinden zu lassen, sondern an einem Ort, an dem auch sonst Bands spielen. (Wobei dieser Gedanke natürlich impliziert, dass in Theatern ansonsten ausschließlich gesittet Musik gehört werde, und so ist das ja auch nicht, aber, naja.) „Die Musik reibt sich am Tanz“, schreibt Tossi über ihr Stück. „Die Entfernungen der Körper erzeugen den Wunsch zu verbinden, sich zusammenzuschließen. Wie formt der Blick die Körper zu einem Bild? Wie werden antagonistische Kräfte innerhalb eines Systems verhandelt?“ Na, das ist eben Tanzdramaturgenprosa, mir gibt das wenig, weil es auch eigentlich nichts über den Charakter des Stücks aussagt, da wird versucht, Worte für etwas zu finden, für das es keine Worte gibt.
Schlüsselbegriffe gibt es allerdings, die wichtig sind. „Klang, Körper und Raum ermitteln ein Format, das Bekanntes mit Unbekanntem verknüpft und das Wiederkehrende mit der Ex- und Implosion der Form konfrontiert.“ Klang, okay, der ist unüberhörbar. Körper findet dagegen vor allem in seiner Abwesenheit statt: Tossis Tanz ist extrem unkörperlich, ich brauchte sogar meine Zeit, um zu realisieren, dass die Performerin schwanger ist. Und dann eben: der Raum. Der mehr ist als nur das, was in der Theatertheorie als Raum definiert ist, der bespielte Bereich eben, der im Staatstheater sein kann oder in der Hinterhofbühne. Der Raum hier ist mehr: Er ist wieder dieses atemberaubende, viel zu große, alles erschlagende Gebäude, dem man auch nur mit ebenfalls atemberaubenden Sounds beikommt, Gitarrebassdrumsfeedbacks, das geht dann noch halbwegs, was nicht geht, ist eine junge Frau, die sich bewegt. Die wird aufgefressen von der Ästhetik dieser Mauern, und wie sie aufgefressen wird, das macht „Unter Hirschen“ dann wirklich zum überaus interessanten Theatererlebnis.
An einer Stelle steht Hirsch-Effekt-Bassist Ilja Lappin in ikonographischer Rockpose da: ein Schlaks im Gegenlicht, das Instrument auf Kniehöhe. Er spielt eine dumpfe Melodie, dann dreht Tossi ihm den Saft ab, das Publikum kichert, man glaubt, eine Selbstermächtigung des Tanzes zu erleben, ein paar Sekunden lang, obwohl, Tanz findet jetzt genauso wenig statt wie Musik. Dann aber nehmen The Hirsch Effekt ihr plötzlich nutzloses Equipment und spielen noch ein Stück, stumm, auf unverstärkten Instrumenten. Und hier, wo die Band dekonstruiert ist und der Körper sich nur noch im Hintergrund erahnen lässt, merkt man, dass es noch etwas gibt, das einfach da geblieben ist. Der Raum, 40 Meter nackter Beton.
„Unter Hirschen“, weitere Aufführungen: 14. und 15. 6., uebel & gefährlich, Hamburg


wastun
Irmela Kästner, Die Welt 30.03.2012
Mechanik im Hamsterrad des Lebens / Choreografin Ursina Tossi auf Kampnagel

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Und auch das ist Arbeit. Ursina Tossi hält sich fest im Hamsterrad ihrer Menschmaschine. Das ist einerseits beeindruckend konsequent, andererseits tritt sie mit der Choreografie "wastun" zum Abschluss ihrer Residenz am Zentrum für Choreographie auf Kampnagel auf der Stelle. Einatmen, ausatmen, laut und stoßweise, im synchronen Rhythmus mit ihrem Bühnenpartner Philipp van der Heijden legt die Hamburger Choreografin selbst diesen Ur-Impuls von Leben strikt an die Leine. Anfangs vermutet man eine rituelle Absicht. Doch die reine Mechanik behält die Oberhand. Am Boden liegend, öffnen und schließen sich die Körper wie Klappmesser, schieben sich sitzend im Vor und Rück durch den Raum.
Die Bewegung, das Tun, deutet schon mal erkennbare Handlungen an, wird mit kühnem Beinschwung und einer Drehung für einen Moment zum Tanz. Ein befreiender Moment, dem nicht nachgegangen wird. Fragen nach einer körperlichen Materialität, die Identität und bestenfalls Sinn stiftet, stellte sich die Choreografin in früheren Arbeiten in Verbindung verschiedener tänzerischer und medialer Ebenen. Hier konzentriert sie sich ganz auf den Körperausdruck, einmal nur unterbrochen von einer eingespielten schrägen Polka, bei der die Tänzer sich zur Paarmaschine aneinanderklammern. Die stoßweise Atmung hält die Wahrnehmung des Publikums wach. Die Energie, die sich aufbaut, verbreitet allerdings über weite Strecken eine enervierend autoaggressive Note. Freigeschwommen hat sich die Hamburgerin während ihrer Residenz nicht, wie übrigens keine der Residentinnen in diesem Jahrgang. Doch lohnt es sich, die Arbeit von Tossi weiter zu verfolgen.
Abwesen

Irmela Kästner|, Die Welt, 12.03.2011
Klafft eine Lücke, dann überbrücke / Choreografie "Abwesen" von Ursina Tossi

Irgendetwas fehlt immer. Stets klafft eine Lücke. Die Hamburger Choreografin Ursina Tossi stellt sich dem Mangel, macht ihn zum Thema ihres jüngsten Stücks "Abwesen", das im Hamburger Sprechwerk Premiere feierte. Es ist mehr empfundene denn reale Unvollkommenheit, der vier Tänzer hier auf der Spur sind. Tossi, die sich in den letzten Jahren in der freien Tanzszene Hamburgs einen Namen gemacht hat, stellt sich gern theoretische Fragen, sucht nach dem Widerspruch zwischen Empfindung und Erleben, zwischen Wunsch und Realität, womöglich zwischen Kopf und Körper, den sie in hoch dynamischen und sehr emotionalen Tanz überführt.
Angst bestimmt den Anfang. Mit dem Rücken zum Publikum krallen sich die Tänzer in die Wand, stoßen sich ab, werfen sich auf den Bauch, halten mit starrem Blick ihre Umgebung in Schach, fühlen sich sichtlich unwohl und fehl am Platz. Drei Frauen, einschließlich der Choreografin, und ein Mann treffen in dieser internationalen Besetzung aufeinander, ohne dass das Verhältnis der Geschlechter eine Rolle spielt. Harmonie und Dissonanz sind eine Frage von Energie, die in der Klangcollage von Johannes Mietke Resonanz findet.
Tossi versteht es, den Bühnenraum in seiner gesamten Weite unter Spannung zu setzen. Wie zur Neutralisation ihrer Gefühlslagen formieren sich die vier wiederholt, um routiniert Boden unter den Füßen zu gewinnen. Doch erst in der Auflösung der Form, im grandiosen Überschwang chaotischer Bewegung wie auch in der Stille, greift die Poesie, schließt sich die Lücke, ist dieser Tanz sich selbst genug.

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Irmela Kästner, Die Welt, 1. Februar 2010

[…] Ebenfalls inspiriert von projizierter Bildbewegung zeigt sich Ursina Tossis abstrakte Bewegungsstudie "re". Eindringlich rotieren grafische Objekte auf der Leinwand, weisen Formeln auf Gesetzmäßigkeiten von Fliehkraft und Trägheit hin, reiben sich an den Gesten von vier Tänzerinnen, die ein eigensinnig sperriges Alphabet deklinieren, als gelte es, die Anatomie des Körpers neu zu formulieren.
Die Strukturen verflüssigen sich, Energien werden frei. Eine Kommunikation entsteht zwischen Bild und tanzendem Körper, die in kluger Weise eine dynamische Architektur des Tanzes aufbaut, die weit über physische Grenzen hinausweist. Im Dunkeln ziehen schließlich zwei Tänzerinnen kraftvoll ihre Kreise und beweisen, dass abstrakter Tanz für den Zuschauer eine sinnliche wie auch geistig erhellende Erfahrung sein kann. Auf die Premiere von "re" im März im Hamburger Sprechwerk darf man gespannt sein.
ZONE Nora Abel Rahman, Mannheimer Morgen 2010
(...) „ „Zone“ soll dagegen einen leeren Raum bezeichnen, den die Tänzerin Ursina Tossi aus Hamburg füllt. Ihr Bewegungstheater zeigt alle Facetten: Mal kraftvoll und dann wieder zart, mal akrobatisch und schließlich wild bis hin zur Ohnmacht am Boden. Andrej Tarkovski hat mit seinem sience-fiction-Film „Stalker“ die Vorlage für dieses Stück geliefert, und Johannes Miethke die musikalische Seite. Tänzerin Ursina Tossi bleibt zwar einsam im Raum, doch ihr Körper bietet der Leere Paroli. Mit überaschenden Wendungen hinterlässt sie Ihre Spuren für wache Betrachter.“

rough-take 1 Klaus Witzeling, Hamburger Abendblatt 2008
„Zwei lachende Tänzerinnen unten im Parkett schubsen die Kollegin auf die Bühne, befehlen: "Singen!" oder "Tanzen!" und lassen sie "verhungern". Gewalt im Spiel zwischen Choreografin/Regisseurin und den Akteuren gehört eigentlich zum Metier und wird mehr oder weniger direkt ausgeübt: vom klassischen Ballett bis zum Musical.“

Rauer Tanz im Sprechwerk, (-itz), Abendblatt 10.12.08
"Rough" heißt die neue Tanzperformance der Hamburger Choreografin Ursina Tossi. Und rau geht es auch zwischen den drei Tänzerinnen Vanessa Thrull, Silvana Suarez Cedeno und Tossi zu. Das attraktive Damen-Trio ließ sich gegen das Klischee vom sanften Weibchen von den gewalttätigen Bildern aus Filmen des amerikanischen Kultregisseurs Quentin Tarantino animieren. Tossi, eine elegante dynamische Performerin, untersucht in ihrer Szenencollage das Verhältnis von realer und medialisierter Gewalt - und ersetzt naturgemäß Schlagkraft durch rasanten Tanz.

Die Kandidaten / Filip van Huffel Klaus Witzeling, Hamburger Abendblatt 2007
„In der Folge der Einzelnummern fiel Ursina Tossi durch Präsenz und eigenwillige Bewegungssprache ihres aggressiven Charaktersolos auf.“
fuminsho Klaus Witzeling, Hamburger Abendblatt 2007
„Wach machten allerdings die schönen, sich rastlos über den Boden schraubenden Duos von Tossi und Serizawa.“
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INTERVIEW about WITCHES / Ursina Tossi by ANDREA HEINZ / ZEIT ONLINE
Ursina Tossi: Ausgehext!
Einladung in den Körper der Künstlerin: Die wilden Wege der deutschen Tänzerin Ursina Tossi
Von Andrea Heinz
18. September 2019 / DIE ZEIT Nr. 39/2019, 19. September 2019

Link: https://www.zeit.de/2019/39/ursina-tossi-taenzerin-choreografin-kampnagel-witches?print

Beim Stichwort Hexe denken die meisten Menschen heute wohl eher an Bibi Blocksberg als an Hexenverbrennung [https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2014/03/hexen-inquisition- teufel]. Und überhaupt, was hat uns diese Figur heute noch zu sagen? Viel, findet Ursina Tossi. Die 1973 in Heidelberg geborene Choreografin und Tänzerin ist keine der gehypten Stars der Szene. Das Branchenportal Tanznetz.de schrieb jüngst mit geradezu rührender Zurückhaltung, sie habe sich "zu einer der wichtigsten Tanzschaffenden zwischen Hamburg und Köln choreografierte". Man möchte ergänzen: und ist definitiv jemand, den es zu entdecken gilt. Während sich ihre letzte Arbeit Blue Moon mit der Figur der Werwölfin beschäftigte, geht es in Witches, das am 26. September auf Kampnagel in Hamburg uraufgeführt wird, um die Hexe. Erneut arbeitet Tossi mit Theorien der italienischen Wissenschaftlerin Silvia Federici, besonders aus deren Buch Caliban and the Witch, in dem die Hexenverfolgung mit dem Aufkommen des Kapitalismus in Verbindung gebracht wird. Dass Kunstschaffende ihre Werke mit Theorie auffetten, ist nichts Neues. Bei Tossi ist es aber mehr als nur Modeerscheinung: Sie hat nicht nur Tanz und Choreografie, sondern auch Philosophie studiert. Was sie in der Figur der Hexe sieht: "Die Disziplinierung weiblicher Körper und Sexualität, die Konstruktion und Abwertung weiblicher Attribute und die Unterwerfungsstrategien patriarchaler Gewalt, die Federici auch als Voraussetzungen für die Entwicklung kapitalistischer Wirtschaftsweisen beschreibt."
Ambivalenz ist dabei ein wichtiges Stichwort. "Die Hexe kann nur in Widersprüchen existieren. Das bringt Probleme, wenn es darum geht, lineare Prozesse in Gang zu setzen, eine Agenda umzusetzen oder als politische Leitfigur zu funktionieren." Im Tanz und auf der Bühne jedoch öffnet genau das neue (Denk-)Räume und Perspektiven: "Mit unseren Körpern können wir Täter und Opfer in einem sein. Wir bewegen uns zwischen verschiedenen Körpern hin und her." Tossi untersucht körperliche Zustände, Emotionen, die sich in Bewegungen abbilden. In Witches bringt sie gemeinsam mit vier anderen Tänzerinnen all das, wofür Hexen einst angeklagt wurden, auf die Bühne: "Wir verkörpern diese Vorwürfe und finden für sie Situationen, Bewegungen, Stimmungen und Choreografien. Wir laden das Publikum zu uns auf die Bühne ein – und konfrontieren es an anderer Stelle, mit uns Phasen von Wut und Verletzlichkeit, aber auch das Gefühl von Gemeinschaft und Solidarität zu durchlaufen." Diese politische Dimension ist wichtig für Tossis Arbeiten. Sie zeigt sich auch darin, wie sie das Verhältnis von Geist und Körper denkt, das ja gerne als widersprüchlich und problematisch verstanden wird. "Ich denke im Gegenteil, dass die Philosophie – ich spreche jetzt natürlich von der westlichen – sehr viel mit Körpern zu schaffen hat, ob sie nun körperfeindlich eingestellt ist oder nicht. Es ist zentral, die Körper wieder mit dem zu verbinden, über das wir nachdenken! Um bei den Hexen zu bleiben [https://www.zeit.de/kultur/2018-10/feminismus-hexen-bezeichnung-negativitaet-symbol- weibliche-selbstermaechtigung-10nach8]: Die Bereitschaft von Menschen, andere zu foltern, kann nur entstehen, wenn es eine Faszination für die eigene Tätigkeit und eine rigorose Distanz zum Lebendigen, dem Körper, gibt." In Witches entwickelt sie demgegenüber eine utopische Form von Gemeinschaft: "Gedanken werden sinnlich, wenn es in einem Stück gelingt, den Prozess und die Wandlungen körperlich werden zu lassen. Wir laden die Zuschauerinnen und Zuschauer gleichsam in unsere Körper ein: 'Welcome to our bodies!' Ich stelle mir vor, dass diese Großzügigkeit nicht nur eine Geste ist, sondern eine neue soziale Existenzweise sein kann."
Damit wäre man, im Negativen, auch bei jenen, die Tossi als moderne Hexenjäger ausgemacht hat: die AfD und überhaupt rechte Strömungen. "Momentan springen immer mehr Menschen willkürlich und blauäugig auf den '›rechten Zug' auf, der in die Diktatur fährt. Walter Benjamin schreibt über den destruktiven Charakter der Faschisten: 'Wie ungeheuer sich die Welt vereinfacht, wenn sie auf ihre Zerstörungswürdigkeit geprüft wird.' Das steht uns bevor." Und weit und breit keine Bibi Blocksberg, die uns mit zwei Worten erlöst: Hex-hex.
FREVEL ZUR STÄRKE
Die Figur der Hexe im Stück von Ursina Tossi
veröffentlicht am 11.03.2020, von Elisabeth Leopold / Tanznetz


Resilienz und der solidarische Zusammenhalt von Körpern ist immer wieder Thema der Hamburger Choreografin und wird in "Witches", das im Berliner Ballhaus Ost zu Gast war, facettenreich aufgespalten.Ich werde, bin angeklagt. Ich sitze fest, mit wirren Augen durchforste ich den Raum um mich, der stetig enger wird, näher kommt. Die Gesichter der Anklagenden verschwimmen. Etwas drückt sich in meinen Rücken. In mir wütet es. Bahnt sich seinen Weg durch Gefäße und Muskeln, drückt zur Seite, beult aus, entkommt meinem Körper. Schreit sich in die Welt. Wo sich alles verformt. Die Wahrheit zur Lüge. Aufrichtigkeit zur Hinterhältigkeit. Freiheit zu Besitztum. Stärke zu Frevel. Die Richtungen ändern sich schnell. Springen hin und her. Das Sein wird zur Anmaßung erklärt. Kraft strotzend entblößt sich die Wut.

Tatsächlich befinde ich mich im Ballhaus Ost in Berlin. In der Mitte des Bühnenraumes, ein Zirkel aus schwarzen Papierfetzen. Geschredderten Müllsäcken. Asche. Die fünf Tänzerinnen beginnen zu weinen, zu heulen, zu jammern. Diese übertriebene Verzweiflung hinterlässt, nach einem sanften Einstieg in das Stück, erstmal Irritation, läutet aber bereits einen Ton des Stückes ein, der sich von da an immer weiter steigert bis die Irritation sich transformiert, an Stärke gewinnen wird.

In dem sanften Einstieg zuvor wurde man von den einzelnen Tänzerinnen zu den Plätzen am Boden begleitet und aufgefordert die Augen zu schließen, dann folgten Anweisungen einer klaren, ruhigen Stimme. „Entspann deinen Körper.“ Ein Countdown wird hinunter gezählt. Simple Anweisungen folgen einer jeden Zahl. Die Stimme lotst den Körper immer weiter in die Tiefen der Erde. Lässt ihn sinken. Lässt ihn sich ausdehnen. Die Begriffe Zukunft und Faschismus fallen. Eine Direktheit, die im absoluten Widerstand mit der Ruhe der Situation steht. Sinn ergeben sie allemal im Anbetracht dessen, was kommen wird.

Was kommen wird sind wildeste Eindrücke von Verzweiflung, Hysterie und Wut. Sie beginnen zu verschwimmen mit solchen von Stärke, Widerstandskraft, Aufbegehren und Stolz. Die Resilienz und der solidarische Zusammenhalt von Körpern ist immer wieder Thema der Hamburger Choreografin Ursina Tossi und wird auch hier wieder facettenreich aufgespalten. Spannungsgeladen zucken die Körper der Tänzerinnen, werfen große Gesten in den Raum und verführen mit kleinen Handbewegungen und wilden Blicken. Was schreckt hier so sehr ab und zieht gleichermaßen in seinen Bann? Die Konnotation der hysterischen Frau, des auffallenden, ungehorsamen Körpers? Unangepasst und provokativ verbinden sich Zungen, spuken und lachen die Münder, werfen sich die Körper dem Publikum und sich gegenseitig entgegen. Die Zuschauer*innen werden dabei immerfort aufs Neue mit Bildern vermeintlich ausbrechenden Irrsinns und triebgesteuertem Treiben konfrontiert, und dadurch mit Fragen woher denn diese Irritation kommt, wie tief diese Zustimmung mit der Richtigkeit von Zurückhaltung doch in einem sitzt, die sich auch in dem ach so gleichberechtigtem Selbst immer noch Bahn schlägt. Wofür wird sich geschämt? Wer bestimmt diese Grenzen?

Zur gleichen Zeit fühlt man auch Verbundenheit, Eingebundenheit. Die Tänzerinnen bewegen sich durch das gesamte Stück wie Geheimnistragende, Wissende, bilden eine Schneise zwischen Vergangenem und Zukünftigem, scheinen dadurch der Gegenwart komisch entrückt. Als hätten sie einen stärkeren Drang zu dem zu sprechen was war, was geschehen ist, aber auch was kommen wird. Wofür angeklagt, gehetzt und gestorben wurde und werden wird? Diese schauerhafte Verbindung zwischen faschistischen Ideologien und sexistischen, patriarchalen Strukturen, der Vereinnahmung des Uterus, dem als Gebärmaschine die volkserhaltende Verantwortung auferlegt wird lässt einen bis ins Mark erzittern und gleichzeitig weckt es eine ungeahnte Kraft. Zu Gunsten des Gemeinwohl lässt es sich auch trotzen! Alles was nicht soll wird werden. Erhebt euch!



Something Resembling Magic
by Nicola van Straaten, 25. February 2020

“Witches” by Ursina Tossi played at Ballhaus Ost on 21 and 22 February 2020. The work sets out to interrogate the historical figure of the witch, doing so in surprising and often uncomfortable ways.

The day before I watched “Witches”, I met with the choreographer and director of the piece Ursina Tossi, and one of her producers, Jessica Buchholz, in a cafe. Our conversations drifted through the various topics relating to her work, as we discussed embodied histories, political activism, feminism, climate change, the return of fascism, and the witch as an icon for resistance. I learned that Tossi’s inspiration to make “Witches” came from the book Caliban and the Witch by Silvia Federici, which she was reading during the creation of her previous piece “Blue Moon” (2018), a work about werewolves. “Witches” seemed the next logical step in order to deepen and expand on her research into resisting, mythical figures. When I asked her what she meant on her website when she wrote that witches ‘don’t exist’, she spoke about how the concept of the ‘witch’ was constructed as a way to persecute sexually autonomous and financially independent women in Europe throughout the Middle Ages. Before being labelled as ‘witches’, they were simply women who practiced pagan religions, and resisted the rise of Christianity and capitalism. They were then duly demonised for their actions and brutally punished for practicing ‘witchcraft’.

As we discussed the term ‘body history’ — a phrase that also crops up on her website — Tossi reflected: “I think the body is something that passes on history in a very specific way: in gestures, in language, in thoughts, in movements, in temperatures and in flows, or maybe blockages when we talk about trauma. The ‘body history’ of witches is very important.” She adds later that all women and everyone who identifies as femme encounters the figure of the witch at some point in their lives. Relatable content, I thought to myself, as I seem to be encountering witchy things wherever I go these days.

The following night, I arrive at Ballhaus Ost, curious and excited. We are taken by the hand by a performer and ushered, one at a time, into the large hall of Ballhaus Ost and shown where to sit. There are five performers: Amanda Romero, Camilla Brogaard, Julia B. Laperrière, Rachell Bo Clark, and Ursina Tossi herself. Most of the audience are seated on the floor, but there are a few chairs available at the back. After everyone has entered, the five dancers move to the back of the stage, and face each other in a circle as Tossi reads out a text in a hypnotic voice, inviting us to step into the future. I struggle to follow the instructions in Tossi’s words — to close my eyes, let my body sink into the ground, and feel the rise in temperature — as my eyes keep opening to take in the large, dark room and the performers, who now stand so far away from us. I can’t help but feel that any intimacy that may have been established in our one-to-one entry is slowly dissipating.

After the opening text, the performers make their way back towards us in a kind of loose group formation. They begin to sob and weep, clinging to each other and collapsing on the floor as their moaning and wailing becomes increasingly intense. In the centre of the stage is a large circle of ash, six metres in diameter, evoking not only the historical burning of witches, but also the monumental fires and natural catastrophes that have been taking place around the globe. This mournful procession feels like an apt way to begin such a work, yet I’m also confronted with a growing discomfort in witnessing this group of women crying so loudly and performatively. I sit cautiously with my unease, considering my internalised patriarchy, and how easy it is to look critically upon a femme-presenting body being loud and demonstrative. It won’t be the last time I feel discomfort in the work. It is a very generative sort of discomfort, one that forces me to confront my prejudices and pre-programmed mistrust of the figure of the witch.

The weeping individuals gradually gather into a single mass, a kind of monstrous collection of limbs and heads that crawls over the circle of ash. As they do so, their voices transform from groans of grief into a choral scream of rage. The motif of individual bodies merging to form a single, heaving creature reoccurs throughout the piece. It feels like a call to awaken the collective body, and makes me think of the caution Tossi had expressed the day before around certain esoteric, individual self-healing practices that can quickly become de-politicised and removed from broader, communal issues. As important as it is to tend to the self in our chaotic world, she observes, it is equally necessary to tend to the collective through action and participation.

The performance is gaining momentum, and slowly I find a way into the work. Every time the performers drop to the floor, however, they are hidden behind the eight or nine rows of people seated in front of me. I move surreptitiously closer to the wall so I can discretely stand. I want to see the whole stage clearly (since I’m writing about this work), but perhaps this move is a mistake. Somehow, my new position removes me from the audience-huddle and the collective feel that I’ve just been reflecting on. Or maybe it’s the rectangular shape of the room itself that makes the work so difficult to access. This long hall seems like a tricky space to work in, and the performance itself seems curiously frontal — a surprising choice, given that circles form such a prominent feature in witchy-folklore.

Meanwhile, the dancers are moving fluidly from scene to scene. They crawl among the audience, whispering secrets in certain ears. They form a two-headed, four-armed, many-voiced oracle, gliding across the space on a moving plinth, predicting futures and announcing insights. Their bodies vibrate and shake as they perform various hand gestures, some of which I recognise from my friends who practice Wicca. I wonder briefly how they would feel seeing some of their spiritual practices being performed in such a convulsing, electric manner on stage. The performers confront the audience from a distance, calling out and asking selected individuals for their names, their ages, and whether they’ve ever slept with the devil. Their tongues fall out of their mouths, and their eyes roll back in their sockets as they grab each other in crude and sexual ways. They perform a repeated, and very beautiful sequence of running and rolling around the stage, all the while laughing and shrieking hysterically, as they gradually remove all of their clothes. There is a very messy, wild, almost ugly quality to the movement of the group, and it disconcerts me in an interesting way.

I realise that the witch has been evoked in a way that, for me, was entirely unexpected. In my recent encounters with ‘the witch’, I have met with an archetype of someone who is understatedly wise, incredibly practical, and able to understand and work masterfully with energy. While this person is often femme-identifying, something about my understanding of witches, especially in the fully-realised, hyper-capable crone archetype, allows a totally non-binary approach. It is this comprehension of the witch that — at least to me — offers hope and resistance. In fact, I had totally forgotten about the idea of witches as sexually deviant, wild, devil-worshipping women. But of course, that is a reading of the witch that was historically very real, and which endures in the collective conscious to this day. I can’t figure out if my difficulties with the work stem from the fact that I simply configure the witch very differently to what I’m seeing on stage, or maybe — just maybe — my internalised patriarchy has trained me to distrust and despise this particular portrayal of the witch.

I recall Tossi’s response to my question about the intersections between performance, magic, ritual, and transformation. Referring to the performance itself, she stated: “It is, of course, a contemporary ritual, because we’re repeating it and we also create some real transformation on stage. My way of working is really going through that transformation. Transformation is a choreographic tool, almost.” Magic, on the other hand, she describes as that beautiful thing that happens, yet which cannot be planned or expected.

Walking away from the performance, with my discomfort still provoking questions, I feel both intrigued and disturbed. I wonder to myself if I really caught the transformation that the performers went through. After scanning my memories of the piece, I realise that I did indeed catch a glimpse, hidden in the stillness that the performers finally arrive at. After about fifty minutes of almost constant noise and motion, the five dancers stand naked and quiet in a circle, facing each other. As they unceremoniously place five electric fans in a circle, a small sensation of transformation is transmitted, somehow present within this ordinary gesture. And when the fans are switched on, and the ashes spread across the stage, rising to the ceiling, something occurs that resembles magic. Falk Schreiber 27.9.2019 / Abendblatt
Das Publikum im Hexenverhör: „Hattest du Sex mit dem Teufel?“

Zwischen Sexualität, Gewalt und Mystik: Die „Witches“ auf Kampnagel
Foto: Sinje Hasheider

Ursina Tossi beweist mit ihrer neuen Produktion „Witches“: Sie ist die derzeit wohl spannendste Hamburger Choreografin.

Hamburg. Eine sanfte Stimme säuselt: „Wenn ich bis zehn gezählt habe, wirst du in der Zukunft sein.“ Die Glieder sind schwer, der Körper sinkt tiefer in den Boden, die Welt um einen herum verändert sich. Nicht zum Guten: Das Wasser wird knapp, die Temperaturen steigen, der Faschismus greift nach der Macht. Zehn.
Mit „Witches“ löst die Hamburger Choreografin Ursina Tossi auf Kampnagel einmal mehr den Theaterraum auf. Es gibt keine Trennung zwischen Bühne und Saal, das Publikum liegt im Raum verteilt, und während man langsam in die Meditations-Apokalypse gleitet, entwickeln sich künstlerische Bilder direkt neben einem, zurückhaltend, langsam, düster: Fünf perfekt aufeinander eingespielte Tänzerinnen zittern zaghaft durch den Raum, ein Heulen hebt an, Krämpfe schütteln die Körper.

Choreografischer Minimalismus von Ursina Tossi
Solch choreografischer Minimalismus ist neu bei Tossi. Ihre spektakuläre (und immens erfolgreiche) Vorgängerarbeit „Blue Moon“ vor einem Jahr überrollte das Kampnagel-Publikum noch mit energetischer Aktion, „Witches“ hingegen nimmt sich die Zeit, kleinste Bewegungsfolgen aus sich heraus zu entwickeln. Was raffiniert ist, weil Tossi so praktisch unmerklich doch noch in den Überwältigungs-Modus schalten kann: Plötzlich werden Johannes Miethkes düstere Drones durch wuchtigen Goth-Elektro ersetzt, plötzlich stürmen die Tänzerinnen zwischen die Zuschauer, plötzlich wird gezüngelt, gebalgt, geschlagen. Und man fragt sich, wie sich das Stück so schnell so radikal ändern konnte.
Meditations-Nachwirkungen vielleicht: Womöglich ist man noch in Trance, der Flow von „Witches“ zieht einen irgendwie mit.

Das Publikum im Hexenverhör: "Hattest du Sex mit dem Teufel?"
Wie eindeutig der Abend die Entwicklung Tossis vom hoffnungsfrohen Talent zur aktuell vielleicht spannendsten Hamburger Choreografin dokumentiert, beweist der dritte Teil. Der Übergang vom Spiel zwischen Mystik, Gewalt und Sexualität hin zur inhaltlichen Konkretion geriet noch bei „Blue Moon“ verhältnismäßig holprig, hier aber gleitet die orgiastische Aktion leichtfüßig in eine Verhörsituation mit dem Publikum.
Eine Zuschauerin wird von der Seite her angegangen. Erst harmlos, Name, Alter, Beziehungsstatus, ein einziges Kichern, Locken, Reizen. Und plötzlich geht es ans Eingemachte: Glaubst du an den Kapitalismus? Hattest du Sex mit dem Teufel? Wer war mit dabei? Ein Hexenverhör! Sowas ist kein Spaß mehr, und es lässt sich auch nicht bequem in die Vergangenheit schieben.
„Witches“ ist ein Stück des Umschlagens: Meditation schlägt um in poetischen Tanz, Tanz in orgiastische Aggression, Aggression in politischen Gegenwartsbezug. Und wie geschickt Tossi dieses Umschlagen zu arrangieren versteht, das zeigt das Können dieser Choreografin. Gerade weil der Abend nie zum bloßen Ausweis choreografischer Fähigkeiten wird, sondern immer auf sich konzentriert bleibt.

Auferstanden aus der Asche
TAZ: Robert Matthies
Link zum online-Artikel: https://taz.de/Tanzperformance-in-Hamburg/!5627094/
In „Witches“ beschäftigt sich Ursina Tossi mit widerständigen Körpern – ein rasant feministischer Hexentanz in eine andere Zukunft. Symbol für die Hexenverbrennungen: Fünf Tänzerinnen auf einem Aschehaufen
Ein Aschehaufen liegt in der Mitte der Bühne, sauber zusammengefegt zu einem Kreis: offenkundig ein Symbol für all die Scheiterhaufen, auf denen Frauen als Hexen verbrannt wurden. An seinem Rand versammeln sich fünf von ihnen, bilden einen Zirkel und beginnen ein Ritual: eine merkwürdige Mischung aus autogener Entspannungsübung und Beschwörung einer Erhitzung.
Langsam zählt Ursina Tossi – Choreografin des Stückes „Witches“, mit dem am Donnerstag Kampnagel die Spielzeit eröffnete – bis zehn. Schließt eure Augen, fordert sie auch das auf dem Boden sitzende und liegende Publikum auf: Atmet den Geruch verbrannter Haare ein; spürt, wie die Hitze in euch emporsteigt; stellt euch vor, wie sie den Wald in Brand setzt und die Flüsse austrocknet; aber auch, wie die globale Atmosphäre durch die gegenwärtige Faschisierung immer weiter erhitzt wird. Bei zehn seid ihr in der Zukunft angekommen.
Dort wird erst mal bitterlich geweint und geschluchzt, getrauert um die zerstörten Körper der Vergangenheit. Dann, allmählich und faszinierend nuancenreich, verwandelt sich das Zittern der schluchzenden Frauen wieder in ein Ritual: Es wird gehext, Zauberkraft durchzuckt die Körper. Oder ist es eher eine Geheimsprache? Tai-Chi? Schritt für Schritt, Geste für Geste gewinnt der Hexentanz Tempo und Furor.
Mit „Witches“ setzt die studierte Philosophin Tossi ihre Auseinandersetzung mit dem Körper als Ausgangs- und Anknüpfungspunkt widerständigen Handelns fort. Mit „Resisting Bodies“ und „Bare Bodies“ hat sie sich beschäftigt, hat sich im vergangenen Jahr in „Blue Moon“ spektakulär einer der Hexe verwandten Figur gewidmet: der Werwölfin. Tossis Interesse an diesen Figuren ist politisch: ein radikal-feministischer Blick auf die historische Disziplinierung, die Zurichtung und Zerstörung der Körper von Frauen und Kolonisierten. Und ein Versuch, in diesen Figuren einen Rest zu entdecken, der sich dieser Gewaltgeschichte entzieht: als Substrat für Utopien und widerständige Kollektivität. Hintergrund sind die Thesen der feministischen Wissenschaftlerin und Aktivistin Silvia Federici, die die Geschichte der Hexenverfolgung vor fünfzehn Jahren mit der Entstehung des Kapitalismus zusammengeführt hat: Den weiblichen (und andere kolonisierte) Körper und deren Sexualität zu kontrollieren, das Rebellische zu züchtigen, ihre Potenziale auf die reproduktive Funktion zu reduzieren und alles Undisziplinierbare an ihnen zu vernichten – das war für Federici wesentliche Voraussetzung für die Entstehung von patriarchalem Kapitalismus, Arbeitsdisziplin und organisierter Ausbeutung.
Um die Geschichte der Hexenverfolgung oder überhaupt Geschichten im Sinne einer linearen Erzählung geht es Tossi und ihren vier allesamt eigenwillig und stark auftretenden Mitperformerinnen dabei nicht, sondern eher um eine Studie kollektiver Verlaufsformen körperlicher Zustände.
Eine gute Stunde lang feiern Tossi und ihr Hexenzirkel die Wandlungsfähigkeit der Figur, zeigen mit einer minutiös ausbuchstabierten Körpersprache, wie sich sie sich immer wieder Versuchen einer Vereindeutigung entzieht. Es geht, wie könnte es bei einem Hexentanz auch anders sein, um Verwandlungen, Verzauberungen und Beschwörungen.
Hexen-Klichees All das lässt sich als großes Ritual lesen. Wie schon in „Blue Moon“ nimmt Tossi dabei immer wieder auch Bezug auf den popkulturellen Widerhall der Hexenfigur. Da tanzen die Hexen etwa eine ganz eigene Form von Krumping, diesem in der afroamerikanischen Hip-Hop-Szene im Süden von Los Angeles entstandenen aggressiv auftretenden Freestyle-Straßentanz.
Aber auch klassische Horror- und Fantasy-Klischees von Hexen werden in den Strudel der permanenten Transformation gezogen: Mal wähnt man sich auf dem Blocksberg beim Hexenreigen, mal wird lasziv gestöhnt und geächzt, dann kriecht ein spuckendes Kollektivwesen auf die Zuschauer*innen zu, fauchend und kichernd.
Irgendwann drehen die Hexen den Spieß um und verhören von weißen Podesten aus das Publikum: Wie heißt du, wo kommst du her? Warst du unzüchtig? Wie genau war das? Ist der Teufel behaart? Hast du abgetrieben? Hast du dich an der Zerstörung der Kernfamilie beteiligt?
Schließlich schließt sich der Kreis: Die im Ritual zu Beginn anklingende Erhitzung und ihr Bezug auf den Wandel von Klima und politischer Atmosphäre wird konkret: Die Hexen streifen ihre Kleider ab, tanzen nackt, immer befreiter wird ihr Lachen. Dann stellen sie Ventilatoren rings um den Aschekreis, lassen die grauen Flocken durch die Luft fliegen, machen Wetter.
Und eine von ihnen, die Peruanerin Amanda Romero, spricht leise und eindringlich auf Spanisch über Frauen, die ganz gegenwärtig mit Flammen kämpfen: Indigene im Amazonas-Regenwald. Frauen seien es, die einen ganz anderen Umgang mit der Natur hätten als die kapitalistische Ausbeutung – wie einst jene Frauen, die als Hexen verbrannt wurden.


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2020
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REVENANTS 2020
Choreografie über Wiedergängerinnen: Archiv der Ungerechtigkeit - taz.de 11.12.20, 18:45 von KATRIN ULLMANN
Link: https://taz.de/Choreografie-ueber-Wiedergaengerinnen/!5730444&s=tossi/

HAMBURG taz | Am Anfang steht der Tod. Und mit ihm die Wiederkehr. Auf einer weiten Bühne liegen zwei leblose Körper, während im Hintergrund, auf den rauen Putz der Rückwand projiziert (Video: Friederike Höppner), eine riesenhafte Ameise umherirrt. Der Raum ist dunkel, fast wie in der Nacht. Aus seinen Tiefen raunt ein suchendes Sirren und Summen. Leichen, diese Assoziation stellt sich augenblicklich ein, dienen verschiedenen Insekten als Nahrungsquelle und Brutstätte. Fliegen etwa legen ihre Eier auf Leichen ab – schon nach kurzer Zeit schlüpft der Nachwuchs – eine Made. Am Anfang also ist der Tod. Ist das Gewesene und die Verwesung.
Kurz darauf werden zwei nackte Performerinnen die Bühne betreten und die beiden leblos Liegenden grob entkleiden. Ruhig, achtlos, technisch. Schlaff klatscht dabei ein blanker Arm auf den Bühnenboden, sackt ein Oberkörper schwer zur Seite. Die Tänzerinnen eignen sich die Kleidung an – ihre Spur verliert sich im Dunkeln. Ursina Tossi findet für ihre jüngste Arbeit, die Kampnagel eine Woche lang als Online-Stream zeigt, ein starkes Eingangsbild und schafft eine ästhetische Setzung und zugleich eine beunruhigende Irritation, die den ganzen Abend über andauern wird.
Wer sind diese Wesen? Sind sie „Revenants“, wie es der Stücktitel verheißt? Oder sind sie noch Menschen? Sind sie Wiederkehrerinnen und damit Cyborgs? Cyborgs in Sinne Donna Haraways, die diesen Begriff in ihrem „Cyborg Manifesto [http://www.medientheorie.com/doc/haraway_manifesto.pdf]“ im Jahre 1985 – verkürzt gesagt – feministisch so konnotiert, dass diese Hybride aus Maschine und Organismus nicht nur die Grenze(n) Mensch, Tier und Organismus auflösen, sondern auch die zwischen Mann und Frau. Damit formulierte die sozialistische Feministin eine Vision, in der jene Ungleichheiten, die Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen zu Folge haben, aufgehoben sind.
Die Choreografin Ursina Tossi [https://ursinatossi.hotglue.me/] hinterfragt immer wieder – so etwa in ihren vorangegangen Arbeiten „Blue Moon [https://taz.de/!/!5539512/]“ (2018) und „Witches [https://taz.de/!/!5627094/]“ (2019), die ebenfalls im Rahmen ihrer dreijährigen Konzeptionsförderung entstanden sind – Konzepte von Geschlecht, Spezies, Technologie und Körper. Ihre queerfeministischen Arbeiten mit intersektionalem Diskurs sind, denkt man jetzt einfach mal an Zeiten ohne Corona, in Hamburg, aber auch in Köln und Berlin zu sehen.
Mit „Revenants“ bewegt sich Tossi auf Haraways Spuren und hat dabei und dennoch ein ungemein tänzerisches Stück hier geschaffen. Darin bewegen sich die sechs
Tänzerinnen – Rachell Bo Clark, Julia B. Laperrière, Amanda Romero Canepa, Leah Marojevic, Rose Marie Lindstroem und Ursina Tossi – meist an der Grenze
zwischen Tier und Maschine, bilden mal ein mechanisch ineinandergreifendes Räderwerk, bevor sie sich zu einer unberechenbaren Meute zusammenrotten, aus der heraus sich einzelne Tänzerinnen bald wieder herausschälen. Spähend, lauernd, jagend, animalisch. Als Wölfinnen, Hyänen, Chimären. Als balzende Vögel, als sich beschnuppernde Wildkatzen.
Es ist eine (assoziative) Reise zurück aus der Zukunft. Eine Reise, ein wilder Trip zu den Anfängen der Welt, mit dem Bestreben, diese neu zu ordnen, sich für vergangenes Unrecht zu rächen, es wieder gut zu machen. Deren Dämonen, Patriarchen und Hagenbecks zu überwinden, und deren kolonialistisches (Un-)Erbe. Auch diese sind Untote wie die Protagonistinnen selbst. Und so ist an diesem Abend die Vergangenheit immer Teil der Gegenwart, führt der Weg der Wiederkehr immer in etwas bereits Vorhandenes. Sind alle diese Überlebenden zugleich auch (Un-)Tote.
In großer Bilderdichte erstellt Tossi starke, oft fließend weich komponierte Tableaux Vivants, in denen die Tänzerinnen sich in einem gemeinsamen Körper aufzulösen scheinen. In dieser immer wieder verblüffenden Einswerdung entsteht eine Art bildhaftes Live-Morphen, ein organischer Prozess, der – unterstützt von den meist ruhigen, zurückhaltenden, fast meditativen Sounds von Johannes Miethke – nur kurz versöhnlich wirkt.
Immer nur so lange, bis die Protagonistinnen das gerade noch freiherzige Lachen in raues Keuchen und bald in kehlige Urlaute verwandeln. Dabei scheinen sie ihr Innerstes rückwärts aus sich herauszuwürgen, um kurz darauf den beunruhigend dunklen Raum (Bühne: Hanna Lenz) gurrend, flirrend, fast fliegend zu durchqueren. Dann muten sie an wie balzende Vögel, wenig später sieht man sie kämpfend, sich gegenseitig zerfleischend auf allen Vieren, dann sich technisch bekriegend mit roboterhaften, zuckend exakten Bewegungen.
Zu diesen intensiven Szenen passt es, dass Piero di Cosimos „Die Jagd [https://www.metmuseum.org/de/art/collection/search/437283]“, wie man aus dem Abendzettel erfahren kann, eine weitere Bezugs- und Inspirationsquelle dieser Arbeit bildet. In den Jahren 1485 bis 1500 entstanden, zeigt das Renaissance- Gemälde, das einer Serie von Szenen aus der Urgeschichte der Menschheit entstammt, ein wildes Durcheinander, eine fast unübersichtliche Gleichzeitigkeit an Interaktionen zwischen Tieren, Figuren und Kreaturen. Es zeigt Jagd und damit Unterwerfung, Tiertötung und Ausweidung, es zeigt das Verhältnis von Mensch und Tier, meint Gewalt und Beherrschung.
Tossi bedient sich dieser Grundmotive, fragt in ihrer hoch ästhetischen und zugleich fellreich animalischen Choreografie nach den Parametern des Menschseins, sucht nach Antworten. Das macht sie mal konkreter, mal abstrakter, immer aber mit einem unruhigen Puls und einem so entstehenden großen verführerischen Sog, der Raum und Zeit vergessen lässt. Nährend, wiegend, jagend, lauernd, verzweifelnd, tötend – die starken und virtuosen Prota gonistinnen sind alles zugleich und das im unberechenbaren Wechsel. Sie sind Chimären und Mütter, Splatter-Heldinnen und Cyborgs, Jägerinnen und Gejagte, sind wild gewordene Kannibalinnen und stolze Peter- Lindbergh-Schönheiten.
Und wenn alle sechs Tänzerinnen am Ende des Stücks sich in einer Art schleimiger Ursuppe suhlen, wenn sie als ein sich selbst ermächtigender Körper-Monolith, als ein ineinandergreifendes, kollektives Körper-Gebilde dem warmen Licht entgegen und aus Raum und Zeit herausgleiten, sind sie erschreckend schnell wieder da. Als unheimliche Projektionen auf den Seitenwänden. Wartend. Warnend. Wiederkehrend.


Geflüster: REVENANTS von Ursina Tossi

Ein Nachgespräch zum Live-Stream der Performance auf Kampnagel von Juliana Oliveira und Heike Bröckerhoff
Gesprächsaufzeichnung: 14. Dezember 2020, zuerst erschienen als Audiobeitrag in PLATEAU#36_Advents Tore vom 16.12.2020, 20h im FSK
Link: https://plateauhamburg.de/2020/12/28/gefluster-revenants-von-ursina-tossi/

Juliana: Im Hintergrund hören wir Musik von Johannes Miethke für das Stück Revenants, die letzte Arbeit von der Hamburger Choreographin Ursina Tossi.
Die Arbeit hatte am Mittwoch, 9. Dezember online Premiere in Form eines Livestreams. Danach gab es eine Woche lang die Chance das Video auf Youtube zu sehen. Das heißt Gestern war dann die letzte Möglichkeit.

Heike: Schade…

Juliana: Für diejenige, die es geschafft haben zu sehen: am Donnerstag 10. Dezember waren es schon 714 Personen. Das Video auf Youtube hatte zu dieser Zeit so viele Views. Und heute, Montag den 14. Dezember sind es sogar schon 1600 Views, was sehr viel ist. Also für diejenigen, aber auch alle die es nicht gesehen haben, wollen wir (Heike und ich) ein Nachgespräch führen, wo wir gemeinsam reflektieren, was wir gesehen haben. Das machen wir heute zum ersten Mal. Das heißt wir versuchen Euch einen Eindruck des Stückes zu geben, trotzdem ohne Geheimnisse zu verraten. Also ich habe es am Sonntag angeschaut… Wann hast du es geschaut Heike?

Heike: Ich habe mir direkt die Premiere angeschaut. Also den LIVE Stream.
Ich hatte das Gefühl, ich sehe eine Art Mash Up, oder Zusammenführung aus Ursina Tossis vorherigen Arbeiten. Revenants ist der dritte Teil einer Trilogie, ihrer Konzeptionsförderung und da sind wieder sechs Tänzer:innen auf der Bühne gewesen, und viele Figuren aus ihren früheren Arbeiten, die wiederkehren. Motive, Geräusche aber auch Bewegungsqualitäten zwischen Mensch, Maschine und Tier…. Kraft, Gewalt, Rache… das Unheimliche.

Juliana: Mir fallen als erstes Fragen und Kommentare ein, die eigentlich damit zu tun haben, dass es digitales Theater ist. Die Art der Verfilmung, wie bewusst mit Kameras umgegangen wird, wie ich gucke, in welcher Situation ich mich befinde, welche Eindrücke sich am meisten einprägen. Ist es digital gelungen oder nicht… ?!?! Aber ich würde total gerne mal wieder über Theater reden ohne dass es um das Technische geht, also den Fakt, dass es digital ist, sondern über die eigentliche Arbeit. Deswegen versuche ich das jetzt: Die Arbeit hat eine sehr starke Wirkung auf mich gehabt. Es setzte sich durchgängig eine Stimmung von Endzeit und Dystopien durch. Sofort am Anfang hatte ich schon den Gedanken: “na klar… die Menschheit baut immer auf Zerstörung, Vernichtung, Verwüstung oder Plünderung. Und das tut es sogar sehr selbstverständlich”.

Heike: Ja, das kann ich nachvollziehen, diese Stimmung, die direkt in der Eingangsszene etabliert wird.. daran kann ich mich besonders gut erinnern: eine Art Prolog. Auf der Bühne liegen zwei etwas seltsam gekleidete Frauen, regungslos, vielleicht wie tot. Ich erinnere mich noch an ihre Kittel, aus Plastik würde ich sagen. So weiß-transparent..

Juliana: So wie Regenschirme.

Heike: Genau.. Kittel als Regenschirme, eine Form von Schutzkittel oder vielleicht auch Arbeitskittel. Man hört Insektengeräusche, so als würden Fliegen immer wieder ganz nah an Deinem Ohr vorbeisausen..
Dann betreten zwei komplett nackte Performer:innen die Bühne und beginnen damit, die beiden anderen Frauen, die dort schon liegen, nach und nach zu entkleiden.
Systematisch, in einer festgelegten Reihenfolge, pragmatisch, und emotionslos.

Juliana: Sie tuen es als Arbeit, sie betätigen es wie alles andere, was sie sonst machen, als etwas sehr routiniertes. Sie haben es schon oft gemacht. Dieser Eindruck wird dadurch erzeugt, dass jeder ihrer Handgriffe sehr ruhig, aber total effektiv und durchchoreographiert ist. Sie machen genau dasselbe. Arm Ärmel, Kopf Kopf, Knopf Knopf.

Heike: An der Rückwand des Bühnenraums sieht man ein großes Insekt, oder die Projektion eines Insektes, wie der Schatten einer Wanze. Und nachdem nun die beiden Performer:innen, die anderen beiden Frauen komplett ausgezogen haben, legen sie sich selbst, synchron, diese Kleidungsstücke an, inklusive der Perücken. Dann gehen sie ab. Black. Wie eine Art Rollentausch, ein Generationswechsel vielleicht. Ein Moment der Aneignung. Und da musste ich über den Titel nachdenken: Revenants – Figuren, die wiederkehren, die als Untote aus der Geschichte zurückkehren, um sich zu rächen oder Unheil wieder gut zu machen.

Juliana: Man weiß nicht so genau, kommen sie wieder zurück? Sie die Frauen, die dort liegen, diejenigen, die zurückkehren? Werden sie ersetzt? Warum liegen sie da? Wurden sie umgebracht? Das Wiederkehrende hat im Stück sehr verschiedene Facetten. Manchmal ist ganz plötzlich wieder da und ich habe es nicht kommen sehen. Dieses Gefühl, dass es sich wiederholt, dass es zyklisch ist, that it will come upon you, dass es sich gegen dich wendet…. Es ist wie ein vorhersehbarer, geschlossener Kreis… das hat mich sehr deprimiert in dem Stück.

Heike: Kannst Du nochmal sagen, warum Dich das deprimiert hat?

Juliana: Es ist immer dasselbe, wir sind doomed. Man kann nicht aussteigen.
Ich befinde mich in dem Stück in einer Art Zukunft und ich sehe sechs Überlebende, halb Tier, halb Mensch, halb Maschine, halb Wesen. Sie haben sich anscheinend herausgeschält aus dem, was vor ihnen war und sind der Rest von Menschheit, nachdem wir uns hier alle zerfleischt haben. Sie sind das Überbleibsel der Gewalt. Sechs Kämpferinnen, sechs Frauen, sehr stark, sehr emanzipiert. Da die Arbeit von Ursina Tossi angekündigt feministisch ist, bin ich aber von dieser femininen Zukunft der Menschheit als No Escape Highway etwas verwirrt.

Heike: Ich kann deine Verwirrung nachvollziehen, ich habe da auch eine ziemlich starke Ambivalenz gefühlt, die manchmal auch ein Gefühl von Eimsamkeit bei mir auslöst. Die Frauen sind mal Jäger:innen, mal Gejagte, mal liegen sie sich in den Armen und saufen und essen, und zelebrieren einen gelungenen Racheaktionen mit einem Festmahl.
Das Stück besteht aus einer Reihe von Tableaux Vivants pder von choreographieren Bildsequenzen, die manchmal sehr zarte Momente beinhalten, in denen ihre Körper der Performer:innen zu einem riesigen Organ verschmelzen.. und dann plötzlich gibt es wieder eine Schlacht mit Kampfszenen, sehr barbarisch, Mensch gegen Tier. Mensch gegen Mensch. Und ich fand vor allem diese Geschwindigkeit sehr verstörend mit der die Tänzer:innen ihre Rollen wechseln, sich ihre Beziehungen zueinander verändert, eben waren sie noch Freund:innen, dann werden sie Feind:innen. Als gäbe es keine Verlässlichkeit, kein Vertrauen mehr. Die Gefahr lauert überall.

Juliana: Diese gewaltvollen Szenerien kennen wir, kommen uns bekannt vor, werden aber normalerweise eher von Männern gespielt. Und in Revenants besetzten die Frauen diese Cold Blood Rolle. Sie sind für alles zu haben. Ich musste dabei an den Film von Quentin Tarantino denken: Inglorious Bastards, wo es um diese jüdische Rachefantasien geht, und hier in Revenants entfaltet sich eine feministische Rachefantasie. Ich würde sagen in diesem Fall gegen das Patriarchat. Dafür benutzt das Stück Referenzen aus der Geschichte, aber findet eben in einer dystopischen Zukunft statt. Das präsentiert sich mir dann als eine Zukunft, in der Frauen die letzten waren, die für diese Zerstörung verantwortlich sind. Das ist ein traurige Perspektive.

Heike: Es gibt ja kaum Bühnenbild. Körper bevölkern eigentlich diesen Raum und Videoprojektionen und das Licht lassen manchmal befremdende Körperbilder oder auch organische Formen entstehen. Vorne auf der Bühne liegen Wolfsfelle, die schon in Tossis Stück Blue Moon, eine Arbeit über die Figur der Werwölfin, zum Einsatz gekommen sind…dazu Rotwein, Clementinen, Becher… Es sieht aus wie ein Stillleben..

Juliana: Diese Ausstattung wird dann in einer meiner Lieblingstellen zum Einsatz kommen. Da sitzen die sechs zusammen, mit ihren Fellen übergezogen und trinken und essen. Mit ihren heiligen Grals… Wie heißt das? Diese Becher aus der Mittelalter?

Heike: Der heilige Gral. Ja..

Juliana: Ja, genau. Hat jede so eins. Ich mag diese Szene besonders wegen der Sounds, weil die Völlerei und „wir essen alles, wir essen die Welt“ wird durch augmented reality sounds sehr haptisch dargestellt. Ich höre ständig wie Wein ins Glas kippt, Schmatzen, Kauen, Trinken, Prosten, Würgen..

Heike: Wie stellst Du Dir den Ort vor, oder diese Landschaft, in der die Revenants unterwegs sind? Bei diesem Bild habe ich sie in einer Höhle vor dem Feuer sitzen sehen.

Juliana: Ein Urbild. Das hat etwas Archaisches. Der Ort verändert sich. Ich bin nicht so gut darin, mir Dinge “vorzustellen”. Eigentlich stelle ich mir nicht vor, sondern erinnere mich dabei eher an Dinge, die ich schon mal gesehen habe, zum Beispiel Filme, die im Mittelalter spielen. Wahrscheinlich wegen dieser Grals. Ich habe dabei auch an Blade Runner gedacht: eine Stadt in der Zukunft, mit viel Metallrohren und Dingen überall, die nicht mehr funktionieren, wo es kein draussen und drinnen gibt. Aber ich habe auch an das Theaterstück “Die Stunde da wir nichts voneinander wussten” von Peter Handke, wo auf der Bühne eigentlich Leute nur hin und hergehen und wir erwischen Fetzen aus ihren Leben. Es gibt solche Momente im Stück, wo die Tänzerinnen die Bühne überqueren, um wieder in der Dunkelheit zu verschwinden.

Heike: Wie so eine Momentaufnahme. Interessant, dass Du an eine Stadt gedacht hast. Bei mir hat dieses Insektensurren und -zirpen einen starken Eindruck hinterlassen, das Vogelzwitschern und Keuchen… die animalischen Laute der Performerinnen, die immer wieder ihre Stimme einsetzen, und dadurch auch bestimmte Landschaften suggerieren. Für mich eher verlassene, ruinöse Naturszenen, Höhlen habe ich schon gesagt, aber vielleicht auch Wälder, Wiesen, etwas Sumpfiges.

Juliana: Ich glaube die Arbeit spielt bewusst damit, dass wir diese dystopischen Zukunftskulissen gut kennen, also diese “andere” Welt. In diesem Stück hat Ursina Tossi es mit Körpern gefüllt. Das ist sozusagen das, was Tanz machen kann. Ich war sehr beeindruckt von der Körperlichkeit, die sie mit den Tänzerinnen erarbeitet hat. Das hat mich sehr berührt. Dadurch dass dieser Hybrid Mensch-Maschine so angesprochen wird, fühle ich mich mit den Tänzerinnen sehr verbunden, weil sie sich nicht unbedingt wie Robots der Zukunft verhalten. Sie haben zwar etwas Unanatomisches oder Unnatürliches, bleiben aber körperlich sehr nachvollziehbar,

Heike: Sehr instinktgetrieben.

Juliana: Ja auch, sehr organisch. Ich würde sehr gerne die Arbeit live sehen.

Heike: In real time, same space… wir müssen neue Sprachen entwickeln für das Sprechen über die digitale und die analoge Liveness. Und um das Stück dann vor Ort auf Kampnagel zu sehen, müssen wir noch ein bisschen Geduld haben. Denn Revenants von Ursina Tossi wird erst im Sommer analoge Premiere auf Kampnagel haben.










REVENANTS
Choreografie über Wiedergängerinnen: Archiv der Ungerechtigkeit
by Katrin Ullmann / TAZ
Geflüster: REVENANTS von Ursina Tossi
Ein Nachgespräch zum Live-Stream der Performance auf Kampnagel von Juliana Oliveira und Heike Bröckerhoff
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